Ein Aufruf – diesmal aber nicht an “die Muslime”

An all diejenigen, die es sich jetzt nicht verkneifen können, “unsere muslimischen Mitbürger” quasi mit vorgehaltener Pistole zu nötigen, sich “laustark” von dem Anschlag in Paris zu distanzieren:

Wer sind denn eigentlich die “muslimischen Mitbürger”, denen Sie nun anlassbezogen und mit großer Dringlichkeit nahelegen, “gegen den Hass aufzustehen, der im Namen ihrer Religion ausgeübt wird”? Schreiben Sie denen Ihre Muslimeigenschaft zu oder dürfen die das selbst entscheiden? Was sagen Sie zu meinem Freund E., der schon lange die deutsche Staatsangehörigkeit hat und kürzlich seinen unaussprechlichen türkischen Nachnamen durch Heirat mit einer Deutschfranzösin abgelegt hat? Was, wenn er das nicht getan und auch nicht die deutsche Staatsangehörigkeit hätte, sondern nur akzentfrei Deutsch sprechen und keine Sozialhilfe beziehen würde?

Spielt es für Sie überhaupt eine Rolle, ob mein Freund E. sich selbst als Muslim begreift, ob er religiös ist, ob er zu Allah betet oder sich als Zen-Buddhist sieht?–Offenbar nicht: Er hat sich von Ihrem Aufruf in die Pflicht genommen zu fühlen, da ihm seine Muslimeigenenschaft laut Ihnen offenbar unentrinnbar und von Geburt anhaftet, denn sonst…ja, was sonst? Dann stellen Sie – raunend und nur halb ausgesprochen – schreckliche Drohungen in den Raum: Nicht nur sähen Sie seinen Entschluss, nicht “aufzustehen” als moralische Verfehlung an, sondern Sie unterstellen ihm auch noch implizit, damit für zukünftige Terroranschläge von Islamisten irgendwie Mitverantwortung zu tragen – sowie auch noch für den Auftrieb von Pegida und Co. in Deutschland – der selbstverständlich ausgeschlossen ist, wenn nur genügend “unserer muslimischen Mitbürger” aufstehen gegen den Hass.

Nun hat es den sogenannten Japanese-Americans (eine Fehlbezeichnung, da ein Großteil von ihnen schon gebürtige Amerikaner waren) leider gar nichts genützt, wenn sie nach Pearl Harbor nicht sitzengeblieben sondern aufgestanden sind – Hunderttausende von Ihnen wurden dennoch auf Anweisung von Roosevelt ihres Vermögens und sämtlicher Rechte beraubt und jahrelang in Wüstenlagern interniert. Verglichen damit ist Ihr Aufruf dann noch irgendwie als wohlwollend zu begreifen. Dennoch möchte ich meinem Freund E. empfehlen, nicht auf Sie zu hören und ganz ruhig sitzenzubleiben…

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5 Responses to Ein Aufruf – diesmal aber nicht an “die Muslime”

  1. Die allermeisten Muslime, die sich selbst als Muslime bezeichnen, sind religiös. Anders macht die Bezeichnung Muslim auch gar keinen Sinn. Muslim ist schließlich keine Ethnie, sondern ein Mitglied einer Glaubengemeinschaft namens Islam. Wenn nun explizit im Namen dieser Glaubensgemeinschaft Terroranschläge im Herzen Europas verübt werden, macht eine Distanzierung durchaus Sinn. Finden Sie nicht?

    Dazu ein Gedankenexperiment: Sagen wir mal ich wäre Mitglied in der Vereinigung der Gläubigen der heiligen Teekanne. Mitglieder meiner Glaubensgemeinschaft verüben dann Terroranschläge in Namen der Glaubensgemeinschaft der heiligen Teekanne. Ich habe dann zwei Möglichkeiten: Entweder ich distanziere mich vom Glauben der heiligen Teekanne oder ich distanziere mich von den kriminellen Mitgliedern und behaupte einfach, sie seien vom Glauben abgefallen bzw. hätten den Glauben “falsch” verstanden.

    Ich würde wohl eher die Distanzierung vom Glauben bevorzugen, aber wenn man das nicht will (aus welchen Gründen auch immer), dann ist zumindest eine Distanzierung von den kriminellen Glaubensbrüdern das mindeste? Finden Sie nicht?

    • Tim says:

      “Muslim ist schließlich keine Ethnie, sondern ein Mitglied einer Glaubengemeinschaft”
      Wenn nur diese simple Erkenntnis bei vielen, die diese öffentliche Distanzierung fordern, durchdringen würde, wären wir schon einen großen Schritt weiter.

      Zur “heiligen Teekanne”:
      Wenn es nun 1,6 Milliarden Teekannen-Mitglieder gibt und nun eine durchgeknallte Sekte, die weit weniger als 0,001% der “Teekannen” repräsentiert und nebenbei auch alle anderen “Teekannen” zu ihre Feinden erklärt, behautet, sie wären die einzig wahren “Teekannen” und deshalb schon alle anderen Mitglieder gegen sich aufgebracht hat, Terroranschläge begeht, komme ich doch nicht auf die Idee, mich für diese Spacken auch noch entschuldigen zu müssen oder mich immer wieder aufs neue von ihnen zu “distanzieren”. Weil langsam auch mal jedem klar sein müsste, dass diese Sekte mit dem Rest der 1,6 Mrd. “Teekannen” nichts zu tun hat.

      • Wenn nur diese simple Erkenntnis bei vielen, die diese öffentliche Distanzierung fordern, durchdringen würde, wären wir schon einen großen Schritt weiter.

        Ich glaube Sie haben den Schritt auch noch nicht gemacht. Für seine Ethnie kann man nichts, für seinen Glauben schon. Als freiwilliges Mitglied einer Glaubengemeinschaft ist also auch aus diesem Grund eine Distanzierung sinnvoll.

        Wenn es nun 1,6 Milliarden Teekannen-Mitglieder gibt und nun eine durchgeknallte Sekte, die weit weniger als 0,001% der “Teekannen” repräsentiert und nebenbei auch alle anderen “Teekannen” zu ihre Feinden erklärt

        Selbst wenn es nur eine einzige durchgeknallte Teekanne gäbe: Diese einzige Sekte kann ziemlich laut sein, so wie die ISIS-Teekanne am letzten Wochenende. Das macht einen ganz schönen Rumms. Da ist nun sehr wichtig fürs Image, dass man auf Distanz geht. Das nennt sich public relations. Auf ein gutes Image sollte eine Teekannen-Glaubensgemeinschaft erpicht sein, egal wie viele Mitglieder sie hat. Alles andere wirkt sehr arrogant und sehr ignorant.

        Aber es gibt noch ein klitzekleines Problem. Es gibt leider nicht nur eine durchgeknallte Teekanne. Es gibt erschreckend viele. Welche durchgeknallte Sekte meinten Sie denn nun genau? Die Al-Quaida-Teekanne? Die Taliban-Teekanne? Die IS-Teekanne? Die Hamas-Teekanne? Die Hezbollah-Teekanne? Die Iran-Teekanne? Die Saudi-Arabien-Teekanne? Die Katar-Teekanne? Die Erdowahn-Teekanne? Die Muslimbrüder-Teekanne? Die Boko-Haram-Teekanne? Und woher weiß man nun, was die *wahre* Teekanne ist?

        Heute im Spiel Griechenland gegen die Türkei gab es eine Schweigeminute für die Opfer von Paris. Das halbe Stadium hat während der Schweigeminute schön laut gepfiffen und “Allahu Teekanne” gerufen.

        Die angeblichen 0,001% waren zu überraschend großen Teilen im Stadium und die gleichen 0,001% haben kürzlich deutlich die Regierung Teekahne wieder gewählt und die gleichen 0,001% kontrollieren halb Syrien, den halben Irak, halb Afghanistan und noch ein Dutzend weitere Länder. Die gleichen 0,001% sorgen in Belgien dafür, dass mindestens 30% der Twitternachrichten über die syrische Teekahne den IS befürworten. Das sind wirklich sehr aktive 0,001%.

        Die Befunde lassen mich so ein bisschen an den 0,001% zweifeln, aber sagen wir mal spaßeshalber ihre Zahl stimmt, dann ist es aus den schon genannten Gründen umso wichtiger, dass sich die angebliche Mehrheit auch entsprechend Gehör verschafft. Tut die angebliche Mehrheit dies nicht, dann schadet die Teekanne sich selbst in vielen Bereichen und auf vielen Ebenen.

        Es ist liegt im Ur-Interesse der Teekanne, dass die moderaten Teekannen-Gläubigen die radikalen Teekannen aus der Glaubensgemeinschaft drängen und zeigen wie superfriedlich der Teekannen-Glauben *wirklich* ist. Und wenn es dann wirklich nur 0,001% schwarze superlaute Schafe gibt, dann ist es ja umso leichter.

  2. Volker says:

    “Was sagen Sie zu meinem Freund E., der schon lange die deutsche Staatsangehörigkeit hat und kürzlich seinen unaussprechlichen türkischen Nachnamen durch Heirat mit einer Deutschfranzösin abgelegt hat?”

    Ich warte immer noch auf dem Tag, wo die Frage mal so lautet:

    “Was sagen Sie zu meiner Freundin E., die schon lange die deutsche Staatsangehörigkeit hat und kürzlich ihren unaussprechlichen türkischen Nachnamen durch Heirat mit einem Deutschfranzosen abgelegt hat?”

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