Wirtschaftsflüchtlinge früher und heute

Der “schwer entstellte”, mittellose und arbeitsunfähige 43-Jährige gab an, er habe gemeinsam mit seinem Vater eine kleine Landwirtschaft betrieben – bis dieser vor drei Monaten die Insolvenz habe anmelden und in der Folge Sozialhilfe für sich und seinen Sohn habe beantragen müssen. Der Mann, der am 25. November 1879 vor den Beamten der Einwanderungsbehörde in New York diese Angaben machte, war auf der Celtic eingereist. Er hieß Theodor Meier und kam aus Bürschwil im Kanton Solothurn. Er war also Schweizer. Nun waren die Schweizer Behörden offenbar ähnlich einfallsreich wie die Engländer zu dieser Zeit, wenn es darum ging, Menschen loszuwerden, die Almosenempfänger waren und damit die öffentlichen Kassen belasteten: England verschiffte zwangsweise gleich Hunderttausende solcher Armen – die  “paupers” – auf den australischen Kontinent. In der Schweiz erledigte man das ein paar Nummern kleiner. Herr Holzherr, der Vizepräsident der Gemeinde Bürschwil, ermunterte Meier junior höchstpersönlich dazu, nach Amerika auszuwandern, indem er ihm die Überfahrt nach New York bezahlte, sowie die Miete für ein Zimmer in der Pension von Herrn Gasser in Manhattan für einen Monat – letzteres schon reserviert und im Voraus bezahlt. Ob Herr Gasser ebenfalls aus der Schweiz stammte, wissen wir nicht. Es steht aber fest, dass die Monatsmiete drei Dollar betrug.

Wie es mit dem Solothurner Theodor Meier weiterging, wissen wir auch nicht. Die New Yorker Einwanderungsbehörde jedenfalls beabsichte, ihn auf demselben Schiff, mit dem er gekommen war, wieder zurückzuschicken, ihn also abzuschieben, oder, wie es die Deutschschweizer so viel treffender sagen: ihn auszuschaffen. Die Kosten für die Rückfahrt sollte nicht die Reederei, sondern die Gemeinde Bürschwil tragen – zur Abschreckung, damit sie nicht noch mehr Arme schickten, die “zur Belastung für unsere Steuerzahler” würden. Wie die amerikanischen Behörden das bewerkstelligen wollten, ist allerdings unklar.

Diese schöne Geschichte – wenn auch leider nicht ihren Ausgang – kennen wir aus der New York Times vom November 1879. Ausgegraben hat sie Marc Brupbacher, Ressortleiter News beim Züricher “Tages-Anzeiger” beim Stöbern im Archiv der NYT. Und dabei ist er noch auf viele andere, mindestens ebenso interessante Artikel aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gestoßen, aus denen hervorgeht, dass schon die Ankunft einzelner armer Schweizer zu großer Empörung bei den New Yorker Behörden und in der Bevölkerung führte. Erst recht galt das, wenn Schweizer “in Massen” ins Land strömten. Da hieß es dann zum Beispiel, in einer Titelzeile vom März 1855: “Noch mehr Almosenempfänger aus der Schweiz – wieder eine Schiffsladung unterwegs.” Bemerkenswert an dieser Geschichte ist, dass man hier schon lange vor deren eigentlicher Ankunft informiert war. Und das kam so: Heman J. Redfield, Leiter der New Yorker Zollbehörde, einer sehr wichtigen Bundesbehörde, hatte einen Brief aus Zürich von dem dortigen US-Konsul erhalten, datiert vom 3. März des Jahres, den er sofort an den Bürgermeister weiterleitete. Der amerikanische Konsul hatte geschrieben: “Sehr geehrter Herr, gerade habe ich erfahren, dass die Gemeinde Niederwil, Kreis Zofingen, im Schweizer Kanton Aargau, 320 ihrer ärmsten Bürger in die Vereinigten Staaten geschickt hat; dass diese vor einigen Tagen nach Le Havre aufgebrochen sind, um von da aus das Schiff nach New York zu nehmen…” Desweiteren führte der Konsul noch an, dass diese Schweizer “sicherlich keine wünschenswerte Ergänzung zu unserer Bevölkerung sind”.

In den 50 Jahren zwischen 1850 und 1900 wanderten rund 330.000 Schweizer aus. Nicht alle von ihnen waren arm, und nicht alle von den Armen unter ihnen gingen in die USA. Diejenigen der Armen aber, die in New York ankamen – egal, ob mit oder ohne Fluchthilfe durch Schweizer Behörden -, waren dort immer wieder Anlass für große Empörung und schlimmste Befürchtungen. Dasselbe galt übrigens für die Iren, die dem Joch der britischen Krone und den von ihr ausgelösten Hungersnöten entkommen wollten und deshalb in sehr großer Zahl nach Amerika flohen. Obwohl sie dieselbe Sprache sprachen wie die Amerikaner, waren auch sie keineswegs wohlgelitten. So hieß es in Stellenangeboten in der Zeitung noch bis Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder: “No Irish need apply” – Iren brauchen sich gar nicht erst zu bewerben. Allerdings ist hierbei zu berücksichtigen, dass die Iren Katholiken waren und damit aus Sicht der immer noch calvinistisch-puritanisch geprägten Bevölkerungsmehrheit der USA direkt mit dem Teufel in Verbindung standen. Dieses Problem, zumindest, gab es jedenfalls mit den Deutschschweizern wohl nicht.

Hier der Artikel aus dem Schweizer Tages-Anzeiger von Simon Knopf vom 7. September 2015, dem ich viele der genannten Informationen entnommen habe und der auch Faksimile-Auszüge aus etlichen NYT-Artikeln zu dem Thema enthält.

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5 Responses to Wirtschaftsflüchtlinge früher und heute

  1. max says:

    Echt jetzt, Frau Ziessler? Sie wollen Schweizer Auswanderer aus dem 19.Jh echt mit illegalen Einwanderern von heute vergleichen? Tschuldigung, aber das ist Niveaulimbo. Erstens waren die Verhältnisse in den USA ein ganz, ganz klein wenig anders als die heutigen in Europa, zweitens log kein einziger Schweizer den US-Behörden je vor, politisch verfolgt zu sein, drittens gab es null finanzielle Unterstützung von Einwanderern und viertens hielten sich alle Schweizer (wie alle anderen Einwanderer aus Europa) an die Einwanderungsgesetze der USA. Szenen wie die an der ungarischen grenze, wo Illegale sich mit Gewalt Zutritt zu Ungarn verschafft haben, gab es genau null. Es gibt Vergleiche, die nicht einmal mehr hinken.
    Abschliessend bemerkt wäre es nett, für das von Ihrer Kanzlerin, offensichtlich mit Ihrer Zustimmung, angerichtete Desaster weder die Schweiz, noch Schweizer zu missbrauchen. Auch nicht mit freundlich gesagt an den Haaren herbeigezogenen Vergleichen. Damit dürfen Sie schön selber fertig werden. Denn diese Musik hat Ihre Frau Merkel bestellt. Soll sie, und die, die sie gewählt haben, auch bezahlen.

    • Thomas Vorländer says:

      Frau Ziessler hat hier keinen eignen Beitrag geleistet, sondern schlicht Propaganda der linksliberalen “eine Länder, keine Grenzen” New York Times sowie einer Schweizer Zeitung weitergereicht.

      • max says:

        Lieber Herr Vorländer, das hab ich selbstverständlich auch gemerkt. Den Artikel hab ich nämlich zuerst im Tages Anzeiger gelesen. Nun denke ich nicht, dass Frau Ziessler diesen Artikel in ihren Blog übernimmt, weil sie völlig entgegengesetzter Meinung ist. Sie macht sich so also die Aussage des Artikels zu eigen. Meine Kritik trifft also den richtigen Adressaten.

  2. Thomas Vorländer says:

    Irrationale Befürchtungen sind eine Sache, und eine abzulehnende: Schließlich gibt es genügend rassistische Anfeindungen und Verschwörungstheorien gegenüber Deutschen gerade im europäischen Ausland.
    Ich wüsste aber nicht dass schweizer Auswanderer oder die sonstiger europäische Länder – jedenfalls in der Gegenwart – ständig mit Gewalt gegen Frauen auffallen oder sich bemühen, ihre neue Heimat kulturell und rechtlich dem Herkunftsland anzugleichen. Wenn Leute aus islamischen Ländern weglaufen und in Deutschland Mädchen beschneiden (allein in NRW soll eine vierstellige Zahl an Kindern betroffen sein), Frauen nicht die Hand geben wollen und Scharia-Gerichtshöfe fordern, dann ist das etwa so wie wenn vor dem NS-Terror in die USA geflohene Juden dort eine faschistische, pro-deutsche Partei gegründet hätten: verrückt.
    In deutschen Asylaufnahmestellen werden Frauen und Kinder vergewaltigt, zwangsprostituiert (10 Euro pro Nummer in der Bayernkaserne) und in Erfurt gezielt anuriniert. Das sind keine “Befürchtungen”, es sind erwiesene Vorgänge, und sie sind ein Vorgeschmack auf das, was in unsere Gesellschaft “integriert” werden soll. Wer das Anurinieren, Quälen und Missbrauchen von wehrlosen Frauen für “free market ideas” hält oder irgendwie verharmlost, hat den ersten Artikel des deutschen Grundgesetzes nicht verstanden. Tatsächlich erinnert es stark an die Zwangsarbeit in den NS-Vernichtungslagern. Dort beförderte und billigte eine deutsche Regierung Verbrechen gegen die Menschlichkeit, um nicht nur einer rassistsiche Ideologie zu frönen, sondern auch um wirtschaftlich zu profitieren. Wer bewusst und gewollt auf diesen Spuren wandelt gehört in den Knast oder in eine andere geschlossene Anstalt.

  3. Der Artikel belegt wunderbar anekdotisch, was einige Leser vielleicht schon vorher wussten: Die Einwanderung nach Amerika war – an den relevanten Stellen – eben nicht unkontrolliert. Im Gegenteil zumeist war die Einwanderung in die USA sehr streng reguliert. Strenge Kontrollen, die – vom Prinzip her – bis heute anhalten.

    Man kann vermuten: Je größer die Einwanderungswellen waren desto größer waren die Sorgen der Bevölkerung, weshalb man mit immer schärferen Kontrollen reagierte.

    Es gab früh eine zentrale Datenerfassung. Es gab früh Untersuchungen zur Gesundheit – wer zu krank war, durfte nicht einreisen. Es gab Kriterien, die finanzielle Mittel, Bildung und berufliche Qualifikation berücksichtigten. Es gab Beschränkungen für gewisse Kulturkreise. Es gab Beschränkungen für politische Extremisten. Es gab Beschränkungen für Kriminelle. Es gab keine Sozialhilfe für Einwanderer.

    Im Grunde alles sehr modern und die Fundamente, die damals gelegt wurden, setzen die drei großen Einwanderungsländer (USA, Kanada, Australien) bis heute um.

    Deutschland macht in vielen Bereichen das glatte Gegenteil. Das deutsche Experiment wurde in dieser Form und in diesem Maßstab bisher – meiner Ansicht nach – so noch nie durchgeführt. Ich bin gespannt wie es endet.

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