Über die gerechte Verteilung von Flüchtlingen

“Die Innenminister haben sich bei ihrem Krisentreffen in Brüssel nur grundsätzlich auf die Verteilung von 160.000 Flüchtlingen in der Europäischen Union verständigt.”
Und so reden die auch wirklich alle: Über die “Verteilung” von Menschen, als ginge es um Sandsäcke, Windkrafträder oder Genmais-Felder. Und es kommt ihnen allen ganz selbstverständlich vor.

Ja, und sie müssen nicht nur “verteilt”, sondern vor allem auch “gerecht” verteilt werden. Auf wen oder was bezieht sich das Adjektiv gerecht – auf das Substantiv, also die Verteilung? Wohl kaum. “Verteilen” ist ein transitives Verb, d.h. etwas oder jemand (das Subjekt, im Nominativ) wird an etwas oder an jemanden (Dativ) verteilt. Das Adjektiv oder Adverb “gerecht” zum Verb “verteilen” kann sich also immer nur auf das Objekt im Dativ beziehen. “Gerecht” soll es also zugehen in bezug auf den- oder diejenigen, an die die Verteilung erfolgt. Die anläßlich der Verteilung der Flüchtlinge geforderte Gerechtigkeit soll also also vor allem den einzelnen EU-Ländern dienen, nicht den Flüchtlingen.

Soll die Geburtstagstorte gerecht an die Gäste verteilt werden, dann bekommt zum Beispiel jeder ein Stück. Wurde die Torte aus Versehen mit Salz statt mit Zucker gebacken, dann weiß man gar nicht mehr, was man sich unter einer gerechten Verteilung überhaupt vorstellen könnte. Tatsächlich möchte keiner überhaupt etwas von der Torte essen. Von einer gerechten Verteilung lässt sich sinnvollerweise immer nur dann – und immer nur in Bezug auf die Empfänger des Verteilten – sprechen, wenn es sich um ein begehrtes Gut handelt. Eine gerechte Verteilung von Lasten, von der immer mal wieder die Rede ist, hat nichts mit gerechter Verteilung zu tun, sondern mit einer Aufbürdung von immer ungeliebten Kosten für irgendwas.

Das Wort von der gerechten Verteilung der Flüchtlinge ist entlarvend – weil es zeigt, dass es gerade nicht um Gerechtigkeit für die Flüchtlinge geht, sondern darum, dass jedes EU-Land möglichst wenig mit ihnen zu tun haben möchte. Dieser Egoismus wird dann als Gerechtigkeit verkauft.

Und es kommt noch schlimmer: “… gab Innenminister de Maiziere bekannt, dass in der Zahl 40.000 Flüchtlinge enthalten seien, die auf freiwilliger Basis auf die Mitgliedstaaten verteilt werden.”
Auch hier ist nicht gemeint, dass etwa die Flüchtlinge freiwillig irgendwo hingingen. Nein, sie werden irgendwo hingebracht und müssen da bleiben. Wie kann man freiwillig verteilt werden? Man kann nicht einmal freiwillig etwas geschehen lassen, das man nicht will. Man muss dazu gezwungen werden. Man kann nur etwas geschehen lassen, das man nicht verhindern kann. Das macht man dann aber nicht freiwillig, sondern unfreiwillig. Besser wird die Sache auch nicht dadurch, dass man sagt “auf freiwilliger Basis”.
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2 Responses to Über die gerechte Verteilung von Flüchtlingen

  1. Ein sehr treffender Artikel.

    Warum sollen die Migranten jetzt überhaupt über die EU verteilt werden? Man kann doch seit Jahren in deutschen Medien lesen und von deutschen Politikern hören, dass Deutschland durch Migranten aus dem Nahen Osten und Afrika extrem profitiert? Merkel selbst hat das immer und immer wieder wiederholt, bis man es schon fast nicht mehr hören konnte.

    Also warum will man diese Menschen jetzt nach Osteuropa abschieben? Wie passt das zusammen? Da kommen Medien und Politiker ganz schön in Erklärungsnot.

    Dabei will in der Tat kaum ein Migrant nach Osteuropa. So wie auch kein Migrant auf winzige Kuhdörfer nach Ostdeutschland will, wo die meisten Menschen berentet oder arbeitslos sind und wo es keine Erwerbsarbeit gibt – nicht gestern, nicht heute und nicht in den nächsten 100 Jahren.

    Aber CDU/SPD planen mal wieder blühende Landschaften. Und ein Plan ist nun einmal ein Plan. Die Realität muss sich dem Plan anpassen, nicht andersherum. So wie beim Euro auch.

    Mal gucken wohin das führt.

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