Fluchtursachen bekämpfen? Wenn es aber kaum Flüchtlinge gibt…?

So so, die Flucht”ursachen” will man also bekämpfen. Das klingt erstmal konsequent, nachdem man nicht nur Syrer, Iraker und Eritreer, sondern auch alle anderen, die nach Europa kommen, ohne Unterschied als “Flüchtlinge” bezeichnet. (Dass man das dann klammheimlich wieder zurücknimmt, indem man ständig wiederholt, dass ein großer Teil der Flüchtlinge (wie groß eigentlich? 20 Prozent, 40 Prozent oder 80 Prozent?) ja eigentlich keine “echten” Kriegs-, sondern bloß “Wirtschafts”flüchtlinge seien, lasse ich jetzt mal außen vor.). Was aber, wenn die, die da kommen, sich selbst überhaupt nicht als Flüchtlinge sehen? Vielmehr nur SAGEN, sie seien Flüchtlinge, weil sie die geltende Rechtslage kennen und  ihnen deshalb sehr wohl klar ist, dass sie nur mit dieser Behauptung überhaupt eine Chance haben, hierbleiben zu können? Wenn das so ist – und viel spricht dafür, dass es so ist -, dann gibt es überhaupt keine Fluchtursachen, die zu bekämpfen wären. Folglich würde dann selbst die erfolgreiche Bekämpfung irgendwelcher vermeintlichen Ursachen, wenig bis gar keine Auswirkungen auf die Zahl der Kommenden haben.

Warum also kommen die Leute, die nicht aus einem Kriegsgebiet fliehen? Wem das nicht – wenn er ehrlich ist – ohnehin klar ist, der kann sich mal den von Steven Spielberg coproduzierten Zeichentrickfilm “Feivel, der Mauswanderer” von 1986 angucken: Eine Mäusefamilie, die im zaristischen St. Petersburg lebt, beschließt im Jahre 1885, nach New York auszuwandern. Und genau das tun sie auch. Von Hamburg aus mit dem Schiff. Warum wollen sie auswandern? Und warum bleiben sie nicht in Hamburg? Na ja, weil sie gehört haben, dass es, erstens, in America keine Katzen gibt und dass dort, zweitens, die Straßen mit Käse gepflastert sind. So sind die Gründe gestrickt, die Mäuse und Menschen dazu bewegen, in ein anderes Land zu gehen. Fliehen tun die meisten vor gar nichts – weder vor Krieg, noch vor bitterer Armut, noch vor politischer Verfolgung. Sie wollen ein besseres Leben haben und glauben  – in den meisten Fällen auch zu recht -, dass ihnen das in dem anderen Land auch gelingen wird, wenn sie es nur bis dahin schaffen. So haben es im 19. Jahrhundert Millionen von Europäern, Indern und Asiaten gemacht. Sie sind in die USA – und auch nach Lateinamerika – ausgewandert, obwohl sie nicht von Hunger oder Krieg bedroht waren. Und heute ist das ganz genauso mit denen, die nach Europa kommen. Welche Fluchtursachen also, bitte schön, will man da bekämpfen? Will man die Katzen ausrotten und die Straßen mit Käse pflastern? Will die EU Aufklärungsvideos auf youtube stellen, in denen gezeigt wird, dass die Straßen in Europa NICHT mit Käse gepflastert sind? Das kann man sich sparen, denn sie kommen, weil sie kommen wollen, und sie werden auch dann kommen, wenn sie ganz genau wissen, dass die Straßen nicht nur nicht mit Käse gepflastert sind, sondern auch noch Schlaglöcher haben.

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9 Responses to Fluchtursachen bekämpfen? Wenn es aber kaum Flüchtlinge gibt…?

  1. Man sollte diese Menschen Migranten nennen und nicht Flüchtlinge.

    Das kann man sich sparen, denn sie kommen, weil sie kommen wollen, und sie werden auch dann kommen

    Die Theorie, dass die Migranten so oder so kommen – egal was der Staat tut – kann man auch in großen deutschen Medien nachlesen.

    Was gegen diese Theorie spricht, ist die Realität. Die Migrantenzahlen nach Mitteleuropa explodieren erst seit 2013/2014. Mittlerweile sprechen selbst seriöse Medien von einer neuen Völkerwanderung. Es lohnt sich deshalb einmal nachzugucken, was sich 2013/14 verändert hat.

    2013/14 hat sich in den allermeisten Regionen, die verlassen werden (Balkan, Afghanistan, Eritrea, Syrien) wenig bis nichts geändert. Einige dieser Länder stehen sehr schlecht da und es gibt dort genügend Push-Faktoren, aber das ist nicht erst seit 2013/14 so. Der Balkan hat sich sogar eher verbessert, vor allem im Vergleich zu den Bürgerkriegen der 90er Jahre.

    Auch die Menschen dort haben sich nicht plötzlich geändert und alle Fernweh bekommen.

    Was sich geändert hat, ist die Politik in mehreren EU-Staaten. Oder in anderen Worten: Die Pull-Faktoren haben sich massiv verändert. Bis 2013 durften sich Flüchtlinge in Ungarn zum Beispiel nicht völlig frei bewegen (ähnlich wie in DL). Die EU hat Ungarn aber 2013 gezwungen diese und andere Regelungen aufzuheben. Dadurch kam die Balkanroute erst richtig in Schwung.

    Ähnliches ist in Deutschland passiert, nur noch extremer (und ohne dass die EU dies eingefordert hätte). In Deutschland waren bis 2013/14 zum Beispiel Sachleistungen üblich. Seit 2013/14 sind Sachleistungen nur noch die absolute Ausnahme. Üblich sind nun “Taschengelder”, die zudem signifikant erhöht wurden. Außerdem darf man sich in DL nun auch frei bewegen. Das macht DL sehr attraktiv im Moment. Deutschland ist der große Magnet in Europa, der die Migranten anzieht.

    Wenn es nur um Arbeitsplätze ginge, wäre dies eine ideale Sache für DL. Durch die deutschen Regelungen kann man sich diesbezüglich aber absolut nicht sicher sein. Der Sozialstaat scheint eine wesentliche Rolle zu spielen, zumal den meisten Migranten die Aufnahme von Arbeit verweigert wird.

    Ich bin gespannt wie lange die deutsche Regierung braucht, bis Sie merken, dass es doch an ihnen und ihrer Politik liegt. Wenn man die Geldpolitik zum Vergleich heranzieht, muss man davon ausgehen, dass sie es auch die nächsten 5-10 Jahre nicht verstehen werden. Vielleicht sogar nie.
    Ich bin wirklich gespannt, was dies in den nächsten Jahren für Europa und die EU bedeutet.

    • ziessler says:

      Ja, sicher gibt es da verschiedene Anreize, so dass die Einwandererzahlen schwanken. Der “Goldrausch” in Kalifornien im 19. Jahrhundert hat auch die Einwandererzahlen in die Höhe schnellen lassen. Mir geht es aber nicht so sehr um die absoluten Zahlen, sondern um die Motive für das Herkommen. Und die meisten würden eben auch ohne Sozialstaat kommen – so wie die Mexikaner in die USA kommen. Es gibt da keine Sozialleistungen für sie.

      • Und die meisten würden eben auch ohne Sozialstaat kommen – so wie die Mexikaner in die USA kommen.

        Das ist doch eine reine Behauptung, die kein bisschen erklärt, warum es in den letzten 1-2 Jahren zu dieser Einwanderungsexplosion gekommen ist. Die Push-Faktoren erklären sehr gut, warum Menschen ihre Heimat verlassen. Aber nur die Pull-Faktoren erklären, warum sich Menschen vorher durch 10-20 friedliche und nicht gerade arme Länder durchschlagen, bevor Sie das westliche oder nördliche EU-Land ihrer Wahl erreichen.

        Für die vielen sunnitischen Syrer wären die reichen, sunnitischen Golfstaaten zum Beispiel viel näher – sowohl geographisch als auch kulturell. Die Golfstaaten verfolgen aber eine sehr restriktive Politik, was interessanterweise dazu führt, dass sich mittlerweile kaum ein Syrer mehr in diese Richtung aufmacht.

        Die Geschichte mit dem Käse hat vielleicht im 19. Jahrhundert funktioniert, im Zeitalter der Smartphones wissen die Migranten relativ schnell, wo heutzutage wirklich Käse ausliegt und wo nicht.

        Ich liebe liberale Theorien, aber wenn Teile davon offensichtlich nicht stimmen, sollte man besser die Theorie an die Realität anpassen und nicht andersherum.

      • ziessler says:

        Ja, ich behaupte, dass die Leute auch – in fast genauso großer Zahl – kommen würden, wenn es keine staatlichen Leistungen gäbe. Und das ist eine prognostisch-empirische Behauptung, für die ich sehr gute Gründe anführen kann, u.a. die Situation der Mexikaner in den USA. Mit liberaler Theorie hat das alles gar nichts zu tun.

      • Ja, ich behaupte, dass die Leute auch – in fast genauso großer Zahl – kommen würden

        Das hört sich stark nach “open borders” an. Sie glauben also die amerikanischen Gesetze und Grenzkontrollen haben keine Wirkung? Man könnte morgen die Grenze aufmachen, alle Sanktionen abschaffen, den Wohlfahrtsstaat nahezu beliebig erweitern und trotzdem würden nicht signifikant mehr Migranten kommen?

        Die politischen Änderungen in der EU 2013/14 selbst, sind im Grunde egal?

        Die saudi-arabischen Einwanderungsgesetze sind im Grunde egal?

        Interessante Theorie.

        Ich habe an so etwas ähnliches auch einmal geglaubt, aber das ist mindestens 30 Jahre her.

        Dass es in Amerika keinen Wohlfahrtsstaat gibt, ist ein Mythos btw.

      • ziessler says:

        Zum Thema Wohlfahrtsstaat und Sozialleistungen für Illegale Einwander in den USA. Ganz frisch:
        http://www.cato.org/blog/center-immigration-studies-exaggerates-immigrant-welfare-use

        Einwanderungsgesetze in Saudi-Arabien? Da will doch niemand hin.

        Ich bin überzeugt, dass bei offenen Grenzen sogar etwas weniger von den “nur Wirtschaftsflüchtlinge(n)” kommen würden, solange sie – wie auch die freizügigkeitsberechtigten EU-Bürger, die in anderen EU-Ländern leben – keine Ansprüche auf staatliche Sozialleistungen hätten. Dann würde immer nur einer aus der Familie an der Lotterie teilnehmen, und der würde die gesparten Schlepperhonorare als Startkapital in Europa einsetzen. Außerdem würden gar nicht alle auf Dauer hierbleiben (wollen), sondern viele nur saisonweise kommen oder auch nach ein paar Jahren mit dem durch Arbeit hier Ersparten wieder zurückgehen. Letzteres passiert ja jetzt schon. In welchem Ausmaß? Keine Ahnung.

  2. Medley says:

    Wer einfach nicht begreift, warum die Anzahl der Asylbewerber so schlagartig ab dem Herbst 2014 angestiegen ist, der sollte sich in diesem Fall die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom 06.11.2014 vergegenwärtigen.

    Link: http://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2014/08/2014-08-27-asylbewerberleistungsgesetz-kabinett.html

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