Kinderpornographie und Kindesmissbrauch

Es geht um den Schutz unserer Kinder!“, wiederholte die Bundesfamilienministerin gestern Abend bei Günther Jauch gebetsmühlenartig. Da möchte doch niemand widersprechen. Die Frage ist aber, vor was genau die Kinder denn nun zu schützen wären. Bei der Ministerin gewinnt man den Eindruck, sie seien vor allem davor zu schützen, dass sich irgendwelche Männer in Deutschland Nacktfotos von ihnen angucken. Mir erschließt sich nicht einmal ansatzweise, inwiefern das dem Schutz der Kinder dienen sollte. Denn für mich liegt es auf der Hand, dass die Kinder zuerst einmal davor geschützt werden müssen, von irgendwelchen Leuten nackt fotografiert, oder – noch schlimmer – sexuell missbraucht und dabei fotografiert oder gefilmt zu werden.

 In der Runde bei Günther Jauch schien das aber für niemanden auf der Hand zu liegen, mit Ausnahme des Strafverteidigers Udo Vetter, der fragte, ob man die Ressourcen, die man für den – immer wieder misslingenden – Versuch der Überprüfung des gesamten im Internet vorhandenen Bildmaterials verwendet, nicht lieber dafür verwenden sollte, das zukünftige Zustandekommen derartiger Bilder zu verhindern und zudem darauf hinwies, dass mit Kinderpornographie kein Geschäft zu machen sei, weil es nämlich „keinen legalen Weg“ gäbe, dafür zu bezahlen. Der Vertrieb der Bilder und Filme würde hauptsächlich kostenlos erfolgen – über einschlägige Tauschbörsen im Internet, zu denen nur diejenigen Zugang erhalten, die selbst diesbezügliches Material liefern.

 Wenn Vetter damit recht hat – was die Ministerin zwar anzweifelte, ohne dass aber das Thema in der Runde weiter verfolgt worden wäre –, dann sind die Konsumenten von solchen Bildern und Filmen in den meisten Fällen gleichzeitig immer auch Produzenten, ja, sie müssen sogar Produzenten sein, bevor sie zu Konsumenten werden können. Die Mitglieder in diesem Club ergötzen sich demnach nicht nur daran, den eigenen oder fremden Kindern hinter verschlossenen Türen eine für die meisten Menschen wohl unvorstellbare Gewalt anzutun, sondern entschließen sich zeitgleich auch noch, ihre Verbrechen zum Zwecke einer „Zweitverwertung“ – dem späteren Austausch mit Gleichgesinnten – in Bild und Ton aufzuzeichnen – wohl, so muss man vermuten, weil das von ihnen selbst produzierte Angebot ihre eigene Nachfrage nicht zu befriedigen vermag.

Dass nun die gesamte Diskussion sich fast ausschließlich um diese Zweitverwertung zu drehen scheint – und auch von der Opfereigenschaft der Kinder immer nur in Bezug auf die Verbreitung des Bildmaterials die Rede ist – sehe ich als Zeichen größtmöglicher moralischer Verwirrtheit an. Denn das Schlimme an Kinderpornographie sind doch nicht die Bilder, die gemacht werden, sondern die Verbrechen, die an den Kindern verübt werden müssen, damit solche Aufnahmen überhaupt erst entstehen können.

Der Strafrechtsprofessor Reinhard Merkel sagte in einer anderen Talkrunde zum Thema, er habe gerade noch einmal Thomas Manns „Tod in Venedig“ gelesen und resümierte dann sichtbar angewidert: „Der malt sich seine Bilder selber…“ Das ist wohl wahr. Aber wahr ist auch, dass Thomas Mann, jedenfalls in seiner Eigenschaft als Autor dieser Novelle, keinem einzigen Kind Gewalt angetan oder es sonstwie missbraucht hat. Ein Maler von Bildern muss eben im Gegensatz zu einem Fotografen die Tat nicht buchstäblich vor Augen haben, um die Bilder herstellen zu können, geschweige denn die Tat selbst begehen. Diesen Unterschied, der beileibe nicht nur ein feiner ist, hat bei Günther Jauch, so kam es mir jedenfalls vor, nur Udo Vetter gesehen. Den Bilderstürmern, und das war schon immer so, bleibt angesichts ihrer offensichtlichen Hilflosigkeit schrecklichen Verbrechen gegenüber nur der Kampf gegen die gegenständliche Verkörperung derselben. Wenn aber Udo Vetter recht hat, dann sind wir bei diesen Verbrechen gar nicht so hilflos: Denn wenn jeder Bilderkonsument auch ein Bilderproduzent ist, dann ist er notwendig auch jemand, der die tatsächlichen Verbrechen an den Kindern selbst verübt. Und dann kann man seiner auch habhaft werden – und damit die Kinder wirksam vor zukünftigen schrecklichen Gewalttaten schützen.

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4 Responses to Kinderpornographie und Kindesmissbrauch

  1. Bisher haben Sie in den meisten ihrer anderen Artikel so schön Marktmechanismen erklärt, aber in diesem Artikel übernehmen Sie die absurden Theorien von Udo Vetter und anderen, die behaupten jeder Bilderkonsument sei auch ein Produzent. Was soll das für ein komischer Markt sein, in dem jeder Konsument auch Produzent ist?

    Genauso gut könnte man behaupten jeder Konsument von normaler Pornografie, würde zuerst einmal eigene Produktionen ins Internet stellen. Reichlich irreal.

    In Wahrheit produzieren die allermeisten Pädophilen natürlich keine eigenen Bilder und Filme. Aber sie konsumieren sie. Sie bezahlen bares Geld für dieses Material und fördern so die Produktion dieser Bilder und Filme. Die Produzenten selbst sind oft nicht pädophil. Aber sie kommen oft aus armen Ländern, wo das Geld der Pädophilen viel wert ist.

    Das wäre die ehrliche Argumentation gewesen.

    • ziessler says:

      Vetter hat vor allem kritisiert, dass die gesamten Ressourcen der Strafverfolgung in die Unterdrückung der Bilder fließen – statt in die Verhinderung der Verbrechen. Ob und wie für die Bilder gezahlt wird, ist nebensächlich. Es wäre bloß von Vorteil für die Strafverfolgung, wenn Konsumenten gleichzeitig Produzenten wären. Ob das so ist, weiß ich nicht – und will mir darüber auch gar keine Gedanken machen.

      • Die Operation Spade begann in Rumänen, wo ein deutscher Ersteller von Kinderpornografie verhaftet und verurteilt wurde. Über diesen Weg kamen kanadische Ermittler dann auf den Kanadier Brian Way. Dieser betrieb mit den Filmen aus Rumänien eine kostenpflichtige Seite im Internet. Man fand 500 Filme und knapp 300.000 Fotos.

        Dieser bezahlte Teil der Kinderpornografie ist laut Kriminalisten der schlimmste, weil zahlende Kunden für ihr Geld immer wieder frisches Material verlangen. So sahen es auch die Kanadier. Das Filmmaterial sei überwiegend in Osteuropa aufgenommen, meist auf Bestellung von Brian Way.

        Die Kanadier sichteten die Bilder und konnten so jeweils ca. 350 Täter und Oper weltweit identifizieren. Die identifizierten Täter wurden verhaftet und die Opfer von den Tätern getrennt, wenn noch Kontakt bestand. Wenn Vetter sich ehrlich mit dem konkreten Fall beschäftigen würde, müsste er nicht diese zynischen Mythen verbreiten.

    • Alreech says:

      Behauptet den Udo Vetter das jeder Konsument auch ein Produzent ist ?
      Auf Udo Vetters Webseite gab es dazu schon vor Jahren (im Zusammenhang mit den Sperren von Webseiten) dazu Infos.

      Siehe auch hier:
      https://www.piratenpartei.de/2012/09/11/warum-kinderpornografie-nicht-straffrei-sein-darf-ein-gastbeitrag-von-udo-vetter/

      http://blogs.sueddeutsche.de/schaltzentrale/2009/08/05/es-gibt-keinen-markt-fur-kinderpornographie/

      Das was Udo Vetter in diesen Artikeln schildert ist schon schlimm genug, klingt aber plausibel.

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