Bedauerlicherweise noch einmal zu Norbert Röttgen

Ich muss hier -bedauerlicherweise- Norbert Röttgen in Schutz nehmen – und zwar vor der Masse derjenigen Kommentatoren, die offenbar mit der Semantik des Deutschen auf Kriegsfuss stehen.

Also, Röttgen hat folgendes gesagt:

“Bedauerlicherweise entscheidet nicht die CDU darüber, sondern die Wähler entscheiden darüber.”

Bei zwei Hauptsätzen, die, wie hier, durch eine Konjunktion (“sondern”) verbunden sind, besteht grundsätzlich die Vermutung, dass eine adverbiale Bestimmung (“bedauerlicherweise”), die in nur einem der beiden Hauptsätze auftaucht, sich NUR auf das Prädikat (“entscheidet”) desjenigen Hauptsatzes bezieht, in dem sie eben auftaucht. Das heißt, sie bezieht sich NICHT auf das Prädikat des anderen Hauptsatzes. Das dürfte an folgendem Beispiel klar werden:

“Erfreulicherweise hat nicht mein Ehemann unsere Tochter geschlagen, sondern der unangenehme Nachbar hat unsere Tochter geschlagen.”

Röttgen findet es also nicht bedauerlich, dass die Wähler darüber entscheiden. Er findet es bloß bedauerlich, dass die CDU NICHT darüber entscheidet.

Das mag man nun bedauerlich finden. Aber nur dann, wenn man sich Illusionen darüber hingibt, welche Haltung Politiker zwangsläufig haben: Sie sind -Demokratie hin oder her- pro domo unterwegs und müssen, wenn sie ihre Parteizugehörigkeit und das Programm ihrer Partei ernst nehmen, selbstverständlich davon überzeugt sein, dass es das beste wäre, wenn ihre Partei entscheiden würde.

Henry Ford wurde berühmt für seinen Satz: “Die Leute können über die Farbe ihres Autos selbst entscheiden, vorausgesetzt, sie entscheiden sich für Schwarz.” Das sagte Ford zu einer Zeit, als er der einzige Hersteller von Autos am Fließband und damit als Massenware war. Alle seine Autos waren schwarz lackiert.

Als nun neue Autohersteller auf den Markt kamen und Autos in verschiedenen Farben lackieren ließen, wird Ford es als sehr bedauerlich empfunden haben, dass Autokäufer jetzt tatsächlich über die Farbe ihres Autos entscheiden konnten. Das sei ihm verziehen. Vor allem wird er es aber bedauert haben, dass nun nicht mehr ER entscheiden konnte. Der Markt hatte ihm das aus der Hand genommen. So ist die Welt. Und das weiß auch Norbert Röttgen – der sich im übrigen lange nicht so verächtlich über die Wähler geäußert hat wie Henry Ford sich über seine Kunden.

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One Response to Bedauerlicherweise noch einmal zu Norbert Röttgen

  1. “Der Eine hat ein Haar gespalten, der andere einen Vortrag darüber gehalten.” Goethe, Faust I

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