Rating-Agenturen – Die Pervertierung einer marktwirtschaftlichen Institution durch den Staat

Den folgenden Vortrag habe ich am Sonntag, den 5.2.2012, an der Theodor-Heuss-Akademie der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Gummersbach gehalten – im Rahmen des Wochenendseminars „Liberale Denker – Philosophische Richtungen des Liberalismus im Vergleich“.

Guten Tag, meine Damen und Herren!

Warum ein Vortrag ausgerechnet zum Thema „Rating-Agenturen“? –Als ich vor ein paar Tagen einer Freundin, die weiß, dass ich über Liberalismus und Ökonomie schreibe, davon erzählte, fragte sie: „‚Rating-Agenturen’? Inwiefern ist denn das interessant? Und sind die nicht überhaupt ganz unwichtig und außerdem viel zu kompliziert?“ Meine Freundin hat recht. Um also gegen Ende eines anstrengenden Seminarwochenendes hier niemanden zu langweilen und weil ich ja flexibel bin, habe ich beschlossen, statt über Rating-Agenturen über etwas von allgemeinerem Interesse –und ebenfalls mit liberalem Bezug!– zu sprechen, nämlich über Jörg Kachelmann!

 

Jörg Kachelmann ist, wie wir alle wissen, Schweizer und Wettermoderator. Aber er ist noch mehr als das: Seines Zeichens ein Daten- und Faktenerheber. Jörg Kachelmann hat an Dutzenden oder Hunderten von Orten in Deutschland und in Europa Wettermessstationen aufstellen lassen (was allein schon von erheblicher, liberaler Energie zeugt, da er vermutlich für jede einzelne Station eine Baugenehmigung beantragen musste!). Die von diesen Geräten gemessenen Wetterdaten (wohl Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und Windrichtung und –geschwindigkeit) ließ er stündlich oder halbstündlich oder so auf irgendeinem Wege direkt an die von ihm eigens zu diesem Zweck gegründete Firmenzentrale übertragen, die ihren Sitz, glaube ich, in der Schweiz hat. Warum tut jemand so etwas?—Weil er glaubt, dass es Menschen gibt, die an diesen Daten Interesse haben, ein so großes Interesse sogar, dass sie bereit sind, dafür Geld zu bezahlen. Und mit dieser Einschätzung hatte Kachelmann wohl recht. Die von Behörden und anderen staatlichen Stellen auf Steuerzahlerkosten erhobenen Wetterdaten reichten Vielen offenbar nicht aus, oder die Übermittlung dieser Daten erfolgte nicht zeitnah und zuverlässig genug für deren Bedürfnisse (Der Deutsche Wetterdienst soll, so habe ich irgendwo gelesen, überhaupt nur eine verhältnismäßig geringe Zahl an Messstationen betreiben. Ich habe es mir erspart, zu recherchieren, zu welchen Kosten für den Steuerzahler…). Jedenfalls hatte Kachelmanns Firma wohl genug Kunden, das heißt, Abonnenten von Wetterdaten, um ordentliche Gewinne zu machen. Kachelmann verkaufte aber nicht nur die rohen Daten, sondern bot noch eine weitere Leistung zum Verkauf an: Die Vorhersage des zukünftigen Wetters auf der Basis der vorher erhobenen Daten. Dafür mag er besonders qualifiziert gewesen sein oder auch nicht. Angeblich hat er niemals Meteorologie oder irgendetwas ähnliches studiert, eine Tatsache, die in Deutschland ja grundsätzlich als Ausweis von mangelnder Qualifikation angesehen wird. Wie dem auch sei – Kachelmanns Kunden störte das offensichtlich nicht. Und nicht nur das: Einer seiner Großkunden, die ARD, begnügte sich nicht damit, die Daten und Prognosen von Kachelmanns Firma zu abonnieren, sondern ließ den erfolgreichen Unternehmer gleich auch noch die Wettervorhersage jeden Abend zur besten Sendezeit im Fernsehen selbst präsentieren. Wäre das nicht der Fall gewesen, dann hätte vermutlich niemand hier im Saal (mich selbst eingeschlossen) jemals den Namen Jörg Kachelmann gehört – und das, obwohl anzunehmen ist, dass Kachelmann nur den geringsten Teil seiner Einnahmen seinen Fernsehauftritten zu verdanken hatte; seine allgemeine Bekanntheit verdankt er aber eben ausschließlich letzteren.

An dieser Stelle muss ich nun all jene unter den Zuhörern enttäuschen, die bei der Erwähnung von „Kachelmann“ und „ mit Liberalismusbezug“ auf einen anderen Themenkomplex gehofft hatten… Das kommt nicht mehr… Jetzt kann ich auch zugeben, dass ich vorhin geschummelt habe: Natürlich hatte ich nie vor, statt über das Thema Rating-Agenturen, über Jörg Kachelmann zu sprechen. Etliche hier in der Runde werden es eben schon geahnt haben: Ich habe den Wettermann missbraucht, um im Wege der Analogiebildung dann eben doch den Bogen zu meinem angekündigten Thema zu schlagen.

Und worin bestehen denn nun also die Gemeinsamkeiten zwischen dem Wetterdienst des Schweizers und den Rating-Agenturen? Ich denke, das wird am besten klar durch einen kurzen, historischen Abriss der Entstehungsgeschichte und des Werdegangs von Standard & Poor’s (S&P), der wohl bekanntesten unter den Rating-Agenturen:

Ein Amerikaner mit dem Nachnamen „Poor“ (auf seinen Fall trifft der „Nomen est omen“-Spruch allerdings nicht zu, denn er wurde sehr wohlhabend) veröffentlichte 1860 ein Buch mit dem aufregenden Titel „History of  the Railroads and Canals of the United States“ (also: Geschichte der Eisenbahnen und der Kanäle der Vereinigten Staaten). Die Eisenbahnen waren die größte und gleichzeitig die kapitalintensivste Branche des Kontinents. Deshalb hatten potentielle Kapitalgeber, also die Kapitalisten, ein großes Interesse daran zu erfahren, wie die entsprechenden Firmen strukturiert waren und wie sie sich finanzierten. Und Henry Varnum Poor lieferte ihnen mit seinem Buch genau das: Ein umfassendes Kompendium aller verfügbaren Daten über jede am Eisenbahnbau und –betrieb beteiligte Firma. Acht Jahre später, 1868, bringt Poor einen Nachfolgeband heraus: Manual of the Railroads of the United States (Handbuch der Eisenbahnen der Vereinigten Staaten). Das 442-Seiten dicke Buch zum damals stattlichen Preis von $ 5 wird ein Renner: Innerhalb weniger Monate sind alle 2.500 Exemplare der ersten Auflage verkauft. Poor legt nach: Das Handbuch wird einmal jährlich auf den neuesten Stand gebracht.

1906 gründet der 30-jährige Luther Lee Blake das Standard Statistics Bureau. Blake erkannte den unstillbaren Hunger der Kapitalisten nach Informationen. Er macht im Prinzip dasselbe wie Poor, führt aber zwei Verbesserungen ein: Er sammelt Daten nicht nur über die Eisenbahnen, sondern auch über die vielen anderen, rasant wachsenden Industriebranchen UND er veröffentlicht diese Daten auf Karteikarten, so dass sie laufend, statt nur einmal jährlich, aktualisiert werden können – eine Loseblattsammlung also (Ich weiß nicht, ob er das erfunden hat.). Einmal jährlich verkauft er dann eine gebundene Ausgabe. In den 1920er Jahren beginnen sowohl Standard als auch Poor damit, Firmenanleihen (corporate bonds) und Kommunalobligationen (municipal securities) zu „raten“, also die relative Kreditwürdigkeit und die „Erfolgsaussichten“ von Firmen und Kommunen zu bewerten. Solche Bewertungen haben natürlich immer Prognosecharakter und sind daher notwendigerweise mit genau der Unsicherheit behaftet, die allen Prophezeiungen eigen is. Jedenfalls aber geht dieses „Bewertungsgeschäft“ der Sache nach über die bisherige Tätigkeit des bloßen Datensammelns hinaus.

Beide Firmen (die ja im übrigen bis dahin nichts weiter als Verlagshäuser sind –vergleichbar mit den Verlagen des Guide Michelin für Essensliebhaber und irgendwelchen Oldtimer-Zeitschriften für Autofans –  und immer noch unabhängig voneinander arbeiten; sie waren also echte Konkurrenzunternehmen!) machen dann so weiter: Sie publizieren, neben immer mehr Unternehmensnachrichten und den Ratings, auch die ersten, wöchentlichen Börsenindices, um dann im Jahre 1941 zu Standard & Poor’s Corp. zu fusionieren.

Soviel vorerst zu der Entstehung von S&P. Viele Details habe ich hier ausgelassen – weil es mir ja nicht um Unternehmens- oder Unternehmergeschichte geht, sondern um mein eigentliches Thema, nämlich die Struktur bestimmter staatlicher Eingriffe und deren negative Auswirkungen auf  -ursprünglich segensreiche- Institutionen, die sich allmählich am Markt herausgebildet haben. Also habe ich die Geschichte von S&P genau soweit erzählt, wie die Analogie zu unserem Wettermann reicht. Um also zusammenzufassen: Wir haben hier zwei Firmen, die zwar inhaltlich sehr verschieden aber strukturell identisch arbeiten: Sie sammeln und verkaufen Informationen und auch Prognosen über bestimmte Aspekte des „Weltgeschehens“ – weil es Interessenten, sprich Käufer, für diese Informationen und Prognosen gibt. Der Preis, den sie für die Informationen nehmen können, bestimmt sich durch Angebot und Nachfrage, wie bei jedem anderen Gut. Sowohl Kachelmann als auch die Rating-Agentur hatten es zu allen Zeiten mit Konkurrenzunternehmern zu tun; Kachelmann mit dem deutschen Wetterdienst und wem auch immer sonst noch; S&P haben sich vor ihrer Fusion gegenseitig Konkurrenz gemacht, und seitdem stehen sie in Konkurrenz zu diversen anderen Rating-Agenturen und unzähligen weiteren Unternehmens- und Börsennachrichtenverkäufern und Gurus weltweit.

Kein Einwand gegen die Strukturanalogie Kachelmann/ S&P lässt sich übrigens daraus ableiten, dass Kachelmann im Gegensatz zu der Rating-Agentur ja irgendwie „Naturdaten“ gesammelt habe. Beide Datensätze sind Wirtschaftsgüter—da sie am Markt gehandelt werden. Alles andere ist für die ökonomische Betrachtung belanglos. Und was die Prognosen angeht, so lässt sich wohl im übrigen kaum entscheiden, ob solche über „natürliche“ Entwicklungen (sprich: das Wetter) einen höheren Verlässlichkeitsgrad aufweisen als jene über „wirtschaftliche“ Entwicklungen. Auch hier also kein Unterschied.

An welchem Punkt aber –und das ist ja mein eigentliches Thema- scheitert denn nun die Analogie der marktwirtschaftlichen Institution, bzw.: Wo und wann setzt deren Pervertierung ein? Sie alle hier werden es schon ahnen: Es muss sich um einen irgendwie gearteten, staatlichen Eingriff handeln. Da Jörg Kachelmann, soweit wir informiert sind, -jedenfalls in seiner Eigenschaft als Unternehmer-, wohl nicht über das für diese gängige Maß hinaus von staatlichen Eingriffen betroffen war, müssen wir fragen: Wann und in welcher Weise wurde bei S&P und den anderen Rating-Agenturen interveniert?

Und hier habe ich offenbar eine Lusche gezogen: Fehlanzeige! Es scheint nämlich, dass weder bei Kachelmanns Wetterdienst, noch bei den Agenturen eine Pervertierung der Institution durch staatlichen Eingriff auszumachen sei: Denn es gibt keine staatlichen Eingriffe in die unternehmerischen Abläufe bei den Rating-Agenturen – Zu keiner Zeit!

Sollten also Politiker und andere Marktfeinde recht haben mit ihren geifernden Beschimpfungen des Marktes, dessen Institutionen sich ja angeblich gerade wegen fehlender, staatlicher Eingriffe sozusagen selbst pervertieren –und damit ganze Volkswirtschaften an den Rand des Zusammenbruches treiben?—Denn eines ist schließlich unbestreitbar: Die Rating-Agenturen haben in großem Umfang falsche Prognosen geliefert (Die ebenfalls unbestreitbare Tatsache, dass es Politikern oft auch nicht recht ist, wenn die Agenturen RICHTIGE Prognosen liefern, will ich nicht unerwähnt lassen.). Hatten sie demnach, wie behauptet, so große „Macht“, dass sich ihnen kein Investor entziehen konnte? Scheitert mein Projekt also an diesem Punkt? Nein, das tut es nicht! –Man muss nur den Blick weiten und sich klarmachen, dass staatliche Interventionen niemals nur an der Stelle Wirkung zeigen, wo sie nach dem Willen der Politiker schließlich Wirkung zeigen sollen. Und dann werden wir umgehend fündig und erkennen, weshalb die falschen Bewertungen und Prognosen der Rating-Agenturen so verheerende Auswirkungen gehabt haben sollten und sie ja angeblich auch weiterhin haben – bis es den Politikern endlich gelingen möge, die furchterregende „Macht“ der Agenturen zu „brechen“. Das hier einschlägige Stichwort lautet: Eigenkapitalvorschriften für Banken und andere Finanzdienstleister (Capital requirements for banks). An dieser Stelle muss ich jetzt leider –es lässt sich nicht vermeiden – etwas technisch werden. Ich hoffe, Sie alle werden mir das verzeihen!

Also: Eigenkapitalvorschriften für Banken. Was ist das?—Es geht darum, dass Banken –wie jedes Unternehmen –  risikoreiche Geschäfte tätigen. Da aber der amerikanische Staat für Banken eine Garantiehaftung übernommen hat, indem er die Sicherheit der Spar- und Giroguthaben seiner Bürger und also der Bankkunden garantiert (Einlagensicherung), möchte er Bankenpleiten und also den Eintritt des Haftungsfalles verhindern. Das soll, so die Idee, gewährleistet sein, indem die Banken gesetzlich verpflichtet werden, eine dicke Eigenkapitaldecke vorzuhalten, einen gewissen, prozentualen Anteil der Bilanz an Kapital also, das der „riskanten“ Geschäftstätigkeit entzogen ist. Das ist nichts anderes als Geldscheine unter der Matratze. Und das allerdings gefällt den Banken nun gar nicht, da sie mit solchem Kapital ja keine Profite erwirtschaften können, ihren Kunden aber trotzdem Zinsen auf Sparguthaben zahlen müssen. Für sie also insoweit ein Verlustgeschäft. Auf die ständigen Beschwerden der Banken hin lenkte die amerikanische Regierung 1975 ein und änderte die Eigenkapitalvorschriften.

Die Börsenaufsichtsbehörde (SEC) sagte zu den Banken: „Also gut. Ihr müsst das Geld nicht unter die Matratze legen. Ihr dürft es auch investieren. Aber nur in absolut sichere Anlagen. Nichts Riskantes!“ Die Banken fragten zurück: „Aber woher sollen wir denn wissen, was absolut sichere Anlagen sind?“ Die SEC erwiderte: „Unsere unabhängigen, zuverlässigen und privaten Rating-Agenturen sagen Euch das. Alles, was sie mit AAA bewerten, ist absolut sicher. Also werden wir solche Investitionen in Zukunft als Eigenkapitalquote anrechnen, obwohl Ihr es nicht mehr unter der Matratze liegen habt.“—Die Banken waren damit zwar nicht vollständig zufrieden, weil AAA-bewertete Anlagen nur relativ geringe Renditen abwerfen, aber die Situation war immerhin besser als vorher: Eine kleine Rendite ist immer noch besser als gar keine.

Diese Eigenkapitalvorschriften gelten allerdings nicht nur für Banken, sondern auch für andere, sogenannte Finanzdienstleister, insbesondere für Pensionsfonds und Versicherungen. Auch diese, nichtstaatlichen, Unternehmen müssen sich also, wollen sie nicht einen Teil ihres Kapitals unter die Matratze legen, nach den Bewertungen der Rating-Agenturen richten. Dass sie auf deren Bewertungen vertrauen würden, wäre zuviel gesagt: Sie sind per Gesetz gezwungen, sich daran zu halten.

Die Geschäfte von Banken, Versicherungen und Pensionsfonds machen nun aber einen beträchtlichen Teil des amerikanischen Bruttoinlandsprodukts aus (wieviel genau, weiß ich nicht). Da ist der Zusammenbruch des Finanzsystems kein bisschen erstaunlich, wenn 6 bis 8 Prozent des von solchen Unternehmen investierten Kapitals in AAA-bewertete Anlagen fließen, die sich später als Schrott herausstellen. Und genau hier liegt die Ursache für die Finanzkrise: Die von den Rating-Agenturen mit AAA ausgezeichneten Derivate auf Immobiliendarlehen standen nicht einmal auf tönernen Füßen, sie waren auch nicht auf Sand gebaut, sondern schon bei ihrer Entstehung halb im Schlamm eingesunken.

Hier bin ich am Ende des „technischen“ Teils. Und jetzt sieht man auch, was die Rating-Agenturen, als Ergebnis staatlicher Intervention, in Wirklichkeit geworden sind. Kein Monopol, kein Kartell, sondern noch viel schlimmer: Sie sind durch die –für andere Unternehmen geltenden – Eigenkapitalvorschriften zum integralen Bestandteil des staatlichen Zwangsapparats geworden, als sein Sprachrohr für Verlautbarungen, im wesentlichen also keine privatwirtschaftlichen Unternehmen mehr, sondern Behörden. Und genau darin liegt ihre Pervertierung. Sie sind auch nicht, wie so oft von Liberalen, die sie ja vor Politikerattacken in Schutz nehmen wollen, gesagt wird, bloß die „Überbringer schlechter Nachrichten“. Sie sagen irgendetwas, und andere Leute werden vom Staat gezwungen, sich entsprechend zu verhalten. Das ist kategorial verschieden von der Übermittlung irgendwelcher Botschaften oder Nachrichten – ob guter oder schlechter. Aber natürlich lieben es die Regierungen, die durch ihre Zwangsmaßnahmen eine Finanzkrise überhaupt erst möglich gemacht haben, nun die nominell „privaten“ Unternehmer, denen sie zuvor quasi-hoheitliche Befugnisse verliehen haben, als die wahren Verursacher dingfest zu machen.

Was will ich also? Etwa eine Bresche für die Rating-Agenturen schlagen? Nichts liegt mir ferner! Sicherlich haben sie fehlerhafte Informationen ausgegeben, vermutlich allerdings in bestem Glauben (eine Verschwörungstheorie ist hier völlig unangebracht oder, wie ein knackiger Spruch lautet: Erkläre niemals etwas durch eine Verschwörung, was sich auch durch schlichte Dummheit erklären lässt!). Nein, die Rating-Agenturen sind genauso Opfer staatlicher Intervention geworden wie die Anleger, die sich nach ihnen richten mussten. Was hätten diese lange und erfolgreich am Markt tätigen Unternehmen denn machen sollen, als die SEC 1975 die Eigenkapitalvorschriften änderte?—Der einzige Ausweg wäre gewesen, den Laden dicht zu machen. Das aber ist ziemlich viel verlangt von einem Unternehmer und riecht, wie Nietzsche sagte, moralinsauer.

Um den Kreis zu schließen, komme ich jetzt noch einmal auf den Wettermann zurück. Ich möchte die Analogie bis zum Ende ausmalen und entwickle deshalb ein Szenario über das, was passiert wäre, wenn Kachelmanns Wetterdienst auf ähnliche Weise in die Tentakel des Staates geraten wäre wie die Rating-Agenturen. Stellen wir uns also folgendes vor: Der Staat legt, zum Zwecke der Erhaltung der Volksgesundheit und zur Ankurbelung der Binnenkonjunktur, per Gesetz folgendes fest:

Jeder Bürger, für dessen ständigen Aufenthaltsort für den kommenden Tag Regen angesagt ist, ist verpflichtet, sich an dem dem kommenden Tag jeweils vorangehenden Tag einen neuen Regenschirm in einem Geschäft seiner Wahl zu kaufen. Als amtlich maßgebliche Wetteransage gilt der Kachelmann-Wetterdienst.

Man braucht nicht viel Phantasie, um sich das Resultat dieses – zugegebenermaßen offensichtlich absurden – Gesetzes auszumalen. Jedenfalls die Hamburger werden nach kürzester Zeit nicht nur mit den Nerven völlig am Ende, sondern wahrscheinlich auch verhungert sein, weil sie kein Geld mehr haben werden, um sich etwas anderes als Regenschirme zu kaufen.—Die Frage ist nun, ob es in irgendeiner Weise plausibel wäre, Jörg Kachelmann für dieses Ergebnis verantwortlich zu machen. Und: Wäre Kachelmann moralisch verpflichtet, gegen seine Überzeugung jeden Tag Sonnenschein für zum Beispiel Hamburg vorherzusagen, um die Menschen zu schonen? Obwohl er weiß, dass dann umgehend das Gesetz geändert und ein anderer als der Kachelmann-Wetterdienst als amtlich maßgeblich eingesetzt würde?

Mit diesen Fragen möchte ich Sie entlassen und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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10 Responses to Rating-Agenturen – Die Pervertierung einer marktwirtschaftlichen Institution durch den Staat

  1. Pingback: Freiheitsfabrik » Blog Archive » Eva Ziessler :: Eine kluge + witzige Frau über Kachelmann + S&P

  2. Etwas mehr Recherche an den angesprochenen Stellen und die entsprechenden Daten dazu hätten den Artikel noch stärker gemacht. Ansonsten Glückwunsch für die Entwicklung des hier dargelegten Gedankens. Man hat das ja doch recht häufig: Selbst da, wo noch Meinungsfreiheit grundsätzlich gilt, werden bestimmte Meinungen staatlich gefördert – mit allen gesetzmäßigen Folgen der durch diese Interventionen bedingten Fehlallokationen. Übrigens: Das Bergische Land ist die regenreichste Gegend Deutschlands, selbst durch den Südwesten Irlands kaum übertroffen. Und so hat der Ort des Vortrages, das oberbergische Gummersbach, eine rund doppelt so hohe Jahresniederschlagsmenge wie Hamburg. Die Regenschrimkaufmetapher wird also dort verstanden worden sein.😉

  3. Pingback: Kleine Presseschau vom 20. Februar 2012 | Die Börsenblogger

  4. Gastkommentator says:

    In der Tat ein sehr guter Artikel! Allerdings verstehe ich nicht, warum in Kommentaren immer wieder Nebenschauplätze eröffnet werden müssen (wie hier die Anmahnung eines “Mehr an Recherche”). Das Entscheidende ist doch die Kernbotschaft, die im übrigen nicht zuletzt durch die gewählte Analogie gut sichtbar wird. Natürlich ist das persönliche Empfinden bei jedem anders. Dennoch erlaube ich mir in meiner Eigenschaft als Freund einer straffen Sprache den Hinweis, dass die skizzierte Thematik viel zu wichtig ist als sie mit unnötiger Zeilenfüllerei in Kommentaren zu relativieren oder zu diskreditieren!

  5. Seen says:

    Vielen Dank für diesen hochinteressanten Einblick in die Funktionsweise der Ratingagenturen.
    Allerdings gilt der von Ihnen ausgeführte Sachverhalt, so wie ich das verstanden habe, nur für die USA. Hierzulande wird doch viel öfter über Ratingagenturen geschimpft wenn sie Staaten runterstufen, was dann dazu führt, dass Investoren und Kreditgeber ausbleiben.

    In dem Fall lassen sich die teilweise falschen Prognosen und deren Auswirkungen aber nicht durch eine Pervertierung der Institution durch staatlichen Eingriff erklären. Oder?

  6. Hans Meier says:

    Klasse Artikel,

    errinnert mich an die Ocupy-Aktivisten und deren Sympathisanten, die die Schufa und die Banken hassen, weil sie ihnen nicht willens sind Geld zu geben.

  7. Wolfgang says:

    Die Aussage des Artikels erschließt sich mir leider nicht.
    Das Problem der faulen Kredite und der daraus abgeleiteten und umgepackten Finanzprodukte lag ja schon Jahre auf der Hand und wurde in jedem mittelprächtigen Börsenbrief angesprochen.
    Nach meiner Wahrnehmung haben die Ratingagenturen grandios versagt, indem Sie das hier offensichtliche nicht mit Ihren Instrumenten ausdrückten und stattdessen durch absurde Bewertungen das Kasinospiel bis zum bitteren Ende unterstützten.
    Ist das nicht ein ureigenes Versagen? Inwiefern ist hier ein Einfluß des Staates zu belegen, der die Agenturen von der Verantwortung freispräche?

  8. Ihre Artikel sind toll. Man liest sie immer mit Hochgenuss. Zum Teil über Monate kein Eintrag und dann so eine Wucht. Oder gerade deshalb. Qualität statt Quantität.

    Ein vorgeschobener „Grund“ für die neuen Eigenkapitalregeln durch die Politik im Jahre 1975 war meiner Erinnerung nach auch der Zusammenbruch der deutschen Herstatt-Bank. Ab diesem Zeitpunkt wurden „Einlagensicherungen“ gesetzlich festgeschrieben bzw. die existierenden Gesetze verschärft.

    Es passierte das, was Sie anhand der Ratingagenturen so wunderschön beschrieben haben: Aus dem an sich völlig harmlosen Kollaps einer Bank, machte man systemische Verbindungen zu allen Banken. Der Einzelne darf in der heutigen Welt im Namen der „Sicherheit“ nicht mehr versagen. Der notwendige Akt des Versagens einzelner Firmen (oder Länder) wurde systemisch „verhindert“ und per Gesetz „verboten“. Aus dem positiven Aspekt des Einzelfehlers, wurde der Systemfehler. Aus der Einzelkrise wird die Systemkrise.

    Das lässt sich weiter ausführen. Vielleicht wird ja ein Blogeintrag daraus. Mal gucken.

  9. max says:

    Guter Artikel. Nachdem vor allem Basel II und III den freien Wettbewerb durch staatliche Eingriffe eigentlich ad absurdum führen, wirkt die von ganz schlauen Politikern geforderteEinrichtung einer wirklich ganz unabhängigen europäischen Ratingagentur nur noch um so lächerlicher.

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