Plädoyer für die Freigabe des Organhandels

 Wird der Kauf, beziehungsweise Verkauf, eines Gutes gesetzlich verboten und unter Strafe gestellt, so ist das –ökonomisch gesehen—nichts anderes als die staatliche Festsetzung eines Höchstpreises von Null. Handelt es sich bei dem Gut, um, sagen wir, Quietsche-Entchen für die Badewanne, dann werden wohl die meisten der potentiellen Käufer einfach verzichten; die Produzenten werden andere Güter herstellen. Handelt es sich allerdings um ein Gut, das einige Menschen ziemlich dringend haben wollen, sieht die Sache anders aus. Man kennt das von Drogen und vom Alkohol während der Prohibition: Das Gut wird weiterhin verkauft, allerdings keinesfalls zu dem staatlich festgesetzten Höchstpreis von Null, sondern im Gegenteil zu Preisen, die weit über dem liegen, was vor dem Verbot zu zahlen war. Das ist der Schwarzmarkt—mitsamt seinen bekannten Begleiterscheinungen: Gewaltkriminalität, Polizeikorruption, Schutzgelderpressung. Bislang friedliche Bürger, im Falle der Prohibition zum Beispiel Gastwirte und Menschen, die ein Feierabendbierchen trinken wollen, werden durch einen Federstreich des Gesetzgebers zu Kriminellen.

 Um genau so ein Gut handelt es sich nun bei menschlichen Organen, wie zum Beispiel Nieren, die jeder Mensch im Doppelpack besitzt, obwohl er nur eine davon braucht. In allen Ländern, die sich als zivilisiert begreifen, sind sowohl die Produktion, das heißt die Entnahme von Nieren, als auch deren Handel gegen Geld –auf dem Wege der ärztlichen Übertragung vom Verkäufer zum Käufer mit einer Provision für den Arzt—nicht nur verboten, sondern unter drakonische Strafen gestellt. Im Gegensatz zu Drogenabhängigen und Feierabendbierchentrinkern ist hier für die potentiellen Käufer der Erwerb des Gutes aber nicht nur sehr dringend, sondern überlebensnotwendig. Deshalb sind sie bereit, fast jeden ihnen möglichen Preis zu zahlen: Ein Drogensüchtiger wird unter Umständen eher eine Therapie machen als sein Auto zu verkaufen oder eine Bank zu überfallen; ein Dialysepatient wird willens sein, sein Haus zu verkaufen, und auch seine nahen Verwandten und Freunde werden in der Regel beisteuern. Mit anderen Worten, die Spanne zwischen dem staatlich festgesetzten Höchstpreis von Null und dem Preis, den potentielle Käufer zu zahlen bereit sind, ist hier viel größer als im Fall von Drogen und Alkohol—Der Schwarzmarktpreis wird also ins nahezu Unermessliche getrieben.

 Was sind nun die Folgen?—Für den gesetzestreuen Dialysepatienten meistens der sichere Tod. Der nicht so gesetzestreue, aber relativ wohlhabende Kranke, verfügt über die Möglichkeit, die durch das staatliche Verbot begründete Kriminalität seines Nierenkaufs ins Ausland „outzusourcen“, dorthin, wo die Vollzugsbehörden das auch in ihrem Land geltende Handelsverbot eher schlampig überwachen: Er selbst oder seine Verwandten könnten dafür sorgen, dass –so jedenfalls lautet ein mittlerweile auch filmisch umgesetztes Horrorszenario- ein Slumbewohner in irgendeinem Dritte-Welt-Land entführt und bei der gewaltsamen Entnahme seiner Nieren getötet wird. Diese Phantasie entbehrt allerdings schon aus ökonomischen Gründen jeder Plausibilität: Die Kosten für derartige Aktionen wären so hoch, dass es in jedem Fall billiger wäre, auf die freiwillige Kooperation des Spenders zu bauen, indem man ihn anständig bezahlt.  Tatsächlich läuft es so: Gut organisierte Mittelsmänner heuern relativ arme Leute für eine  Nierenentnahme gegen Geld an, wobei der Verkäufer in der Regel am Leben bleibt und dann das Geld für die Ausbildung seiner Kinder oder die Eröffnung eines Geschäfts verwenden kann—falls er nicht das Pech hat, doch noch in die Mühlen der Strafjustiz seines Landes zu geraten; in Singapur wurde vor einigen Jahren ein solcher Fall publik: Ein arbeitslos gewordener Arbeiter, der seine Niere für ein paartausend Dollar am Schwarzmarkt verkauft hatte, wurde zwar nicht ins Gefängnis gesteckt, aber zu einer Geldstrafe verurteilt, die das Doppelte seines bisherigen Jahresgehaltes ausmachte und auch weit über dem Preis lag, den er für den Nierenverkauf erzielt hatte. Auch der Empfänger der Niere, ein Landsmann des Verkäufers, der nicht wohlhabend war, musste eine, wenn auch nicht ganz so hohe, Geldstrafe zahlen.—Das Bekanntwerden solcher Verfahren treibt den Preis für das lebenswichtige Organ weiter in die Höhe: Die Mittelsmänner müssen den Verkäufern in Zukunft einen beträchtlichen Risikoaufschlag bieten. Das wiederum führt dazu, dass vielen nur mäßig wohlhabenden Nierenkranken das letzte mögliche Schlupfloch verstopft wird. Auch sie werden sich keine Transplantation im Ausland mehr leisten können.

 Was nun könnte getan werden, um diesen -für alle Beteiligten unerträglichen- Missstand abzustellen?—Jedenfalls nicht das, was deutschen Politikern offenbar vorschwebt: Angesichts des chronischen Mangels an verfügbaren Spenderorganen –also der Organabgabe zu einem Preis von Null für den Spender- wollen die Regierenden uns alle zwingen—zwar nicht zu „Lebendspenden“, aber dazu, dass jeder Einzelne sich schon zu Lebzeiten ENTSCHEIDEN muss, ob ihm im Falle seines Hirntodes sämtliche verwendbaren Organe entnommen werden dürfen (das sind dann natürlich nicht mehr bloß die Nieren, sondern auch Herz, Lunge, Leber, Haut und Augenhornhaut). Die Festsetzung des Preises durch den Staat auf Null für die Hinterbliebenen des „Spenders“ bleibt aber erhalten. Die Entscheidung, so ist geplant, soll dann praktischerweise von dem einzelnen Bürger „beim Abholen des Führerscheins oder beim Beantragen des Personalausweises“ erzwungen werden (Effizienter wäre es natürlich, die Sache mit der jährlichen Abgabe der Steuererklärung zu koppeln. Da könnte man dann die Bürger jedes Jahr wieder fragen, ganz so, wie die GEZ, die pünktlich einmal im Jahr Auskunft verlangt, ob man sich nicht inzwischen doch einen Fernseher angeschafft habe…). Vorläufig bleibt also die Möglichkeit erhalten, sich GEGEN die „Spende“ von Todes wegen zu entscheiden.

 Ich vermute allerdings, dass sich die Hoffnung von dem FAZ-Autor Berthold Kohler, die mit der unserer Politiker konform gehen dürfte, nicht erfüllen wird. Die „Spendenbereitschaft“ wird sich NICHT signifikant erhöhen. Kohler schreibt: „Es ist alles zu tun, damit die den Umfragen nach hohe, aber abstrakte Bereitschaft der Deutschen zur Organspende sich in eine konkrete (und dokumentierte) verwandelt.“—Nun ist es aber mit der „abstrakten Bereitschaft“ von Menschen –die immer durch Meinungsumfragen ermittelt wird- so eine Sache: Das „Hegen guter Absichten“ –und mehr muss man ja bei einer Umfrage nicht kundtun- ist, wie der Psychologe Dietrich Dörner sagt, „eine äußerst anspruchslose geistige Tätigkeit“. Schließlich ist es nicht nur kostenlos, gute Absichten kundzutun, sondern man hat eigentlich in den meisten Fällen sogar einen psychologischen Gewinn; man fühlt sich als besserer Mensch. Wenn man sich dann in der Tat entscheiden, also eine rechtswirksame Erklärung abgeben muss, sieht die Sache schon anders aus. Die meisten Menschen finden die Vorstellung, nach ihrem Tod aufgeschnitten und ausgeweidet zu werden, nicht besonders angenehm. Das mag irrational sein, denn schließlich ist man dann ja tot, aber jedenfalls wird diese Abneigung –die auch von den Hinterbliebenen des potentiellen Spenders geteilt wird- die erzwungene Spendeentscheidung beeinflussen. Die überwiegende Mehrzahl wird sich dagegen entscheiden.

 Es gibt aber einen Weg, der mit Sicherheit die Spendenbereitschaft signifikant erhöhen wird, nämlich, das Verkaufsverbot für Organe aufzuheben. Ein todkranker Vater könnte dann schon zu Lebzeiten verfügen, dass seine Kinder seine Organe verkaufen dürfen, um sich davon zum Beispiel ihre Schulausbildung oder ihr Studium zu finanzieren. Die Möglichkeit, Geld in die Erbmasse einfließen zu lassen, dürfte dazu führen, dass die Abneigung gegen die Organentnahme nach dem Tode jedenfalls keine unüberwindliche mehr ist.

Traurigerweise scheint aber die Abneigung unserer Politiker gegen die Entkriminalisierung des Organhandels sehr wohl eine unüberwindliche zu sein. Und die Irrationalität dieser Haltung liegt auf der Hand.

 Niemand kennt die Zahl der Toten, die nicht hätten sterben müssen, wenn der Organverkauf nicht strafbar wäre. Eines aber ist sicher: Alle diese Toten sind nicht die Opfer eines mysteriös zustandegekommenen „Mangels“ an Organen. Sie sind die direkten Opfer des staatlichen Verbots.

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4 Responses to Plädoyer für die Freigabe des Organhandels

  1. fast alles ganz richtig. nur denke ich, dass die beschreibung falsch ist, dass der staat durch ein verbot die kosten des verbotenen gutes ‘auf null’ setzt. er setzt ihn vielmehr durch seine strafandrohung so hoch an, dass der konsum des verbotenen gutes (im falle des entdecktwerdens) irgendwie gefühlsmässig so teuer werden kann, dass die menschen im allgemeinen das risiko des konsums scheuen. das steht nicht im widerspruch zu der möglichkeit, dass man sich das gut straflos schenken lassen kann (preis=null). wohl aber im gegensatz zur vergleichend herangezogenen prohibition:die konsumstruktur von ‘nieren’ sind etwas anderes als die von ‘alkohol’. auch der verbotshorizont ist ein anderer.

    blind ist aber beides.

  2. anonymous says:

    http://www.kritischebioethik.de/kao-organspende-hirntod.pdf … aufgrund der statlichen Propaganda, man solle doch zum Zweck der nächstenliebe bitte spenden – und aufgrund der von staats wegen herabgesetzten kriterien, was denn heute juristisch tot ist – mussten wohl schon viele arme seelen einen qualvollen tod sterben…

  3. anonymous says:

    nein, ökonomisch hat Eva Ziessler schon recht. Es ist wie ein Höchstpreis: der führt zu 1) maximaler Nachfrage , bei 2) keinem oder niedrigstem Angebot. – genau das ist der Fall.
    Wenn es sich um einen Mindestpreis (also ganz hoch) handeln würde, Andreas, dann hättest du 1) maximales Angebot, bei 2) kaum oder gar keiner Nachfrage.

    Die Realität ist aber: es gibt wenig Organe und viel Nachfrage – ergo entspricht die Situation einem Höchstpreis von theoretisch null.

    Anyways, ich bleibe dabei, dass der Marktpreis durchaus höher wäre als heute ,bzw. die Versorgungssituation mit Organen noch geringer,wenn der Staat sich aus der Propaganda raushalten würde und nicht die armen Bewusstlosen Menschen ausschlachten würde. : http://www.initiative-kao.de/evans-was-ist-hirntod.html

  4. Philipp Kalwies. says:

    Ein 17-jähriger chinesischer Schüler gab seine Niere für ein iPad. Zwar sind die Verantwortlichen jetzt gefasst, doch das Problem bleibt bestehen: Er ist nicht der einzige Jugendliche in China, der seine Organe gibt, um sich mehr leisten zu können.

    http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,826251,00.html

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