Effizienz ist kein Kriterium

Viele Liberale –und ebenso die als Marktradikale verschrieenen „Neo-Liberalen“—haben es sich zur Angewohnheit gemacht, den sogenannten freien Markt gegenüber staatlichen Eingriffen zu verteidigen, indem sie seine angeblich größere „Effizienz“ hervorheben. Staatliche Eingriffe in den Markt, so die These, führen zu einer Umleitung von Ressourcen, auch „Fehlallokation“ genannt, was dann zwangsläufig eine verminderte Effizienz im gesamten Marktgeschehen zur Folge haben soll, auch „Wohlfahrtsverluste“ genannt.

 Diese „Effizienzthese“ halte ich für verfehlt, weil sie das Wesen staatlicher Eingriffe in den Markt nicht bloß verkennt, sondern geradezu verharmlost: JEDER staatliche Eingriff in den Markt ist in erster Linie dadurch gekennzeichnet, dass er eine glaubhafte Androhung von Gewalt darstellt. Dem Adressaten des jeweiligen Interventionsgesetzes wird gesagt: „Wenn du dich nicht so und so verhältst, dann werden die zuständigen Staatsorgane dir zuerst dein Konto pfänden, dir dann deinen Betrieb dichtmachen und dich zum Schluss gegebenenfalls ins Gefängnis sperren.“—Angesichts des tatsächlich ausgeübten Zwanges dürften irgendwelche andersartigen, gesamtwirtschaftlich möglicherweise irgendwie messbaren, Verluste an „Wohlfahrt“ kaum noch ins Gewicht fallen.

Diese Auffassung vertrat auch der vielleicht konsequenteste, liberale Theoretiker, den wir je hatten: Der österreichische Jurist und Ökonom Ludwig von Mises (1881-1973). Unermüdlich hat er während seines ganzen, langen Lebens mit ausgezeichneten Argumenten für den freien Markt und gegen den staatlichen Interventionismus plädiert.

 Nicht ohne Grund spricht Mises nie von „Effizienz“ im Zusammenhang mit dem Markt. Er sagt nur, dass menschliche Kooperation ohne Privateigentum an den Produktionsmitteln unmöglich sei, dass wir also nicht die Wahl zwischen zwei verschiedenen Gesellschaftssystemen (Liberalismus und Sozialismus) haben, sondern nur die Wahl, ob wir etwas haben wollen, das den Namen „Gesellschaft“ verdient (=Liberalismus) oder –statt dessen—das „Chaos“(=Sozialismus). Über den vorgeblichen „Mittelweg“, den Interventionismus, sagt Mises gerade NICHT, dass er weniger effizient sei als das Laissez-Faire. Er vermutet nur, dass der Interventionismus über kurz oder lang aus politischen –nicht ökonomischen- Gründen mit der Verstaatlichung der Produktionsmittel enden wird: Jeder staatliche Eingriff in den Markt nötigt die Politiker –da er unausweichlich das politisch angestrebte Ziel verfehlen muss—dem ersten Eingriff weitere folgen zu lassen, um die schädlichen Folgen des ersten Eingriffs sozusagen wieder auszubügeln—ein Versuch, der fehlschlagen muss. Das ist die Interventionsspirale, wie Mises es nennt.

 Die dargestellten Folgen des Interventionismus –die sogenannten Interventionsspiralen— sind aber keine ökonomischen Aussagen von Mises, sondern stellen nur seine politische Einschätzung über das vermutete Handeln politischer Akteure dar.

 Zu sagen, dass eine Intervention kein geeignetes Mittel sei, um das von Politikern jeweils angestrebte und proklamierte Ziel zu erreichen, ist nun aber nicht dasselbe, wie zu sagen, dass eine Intervention den Markt „weniger effizient“ mache. Eine Zweckverfehlung beim Handeln ist eben nicht ein „Weniger“, sondern ein „Gar nicht“, nämlich: Ziel verfehlt!—Sich mit dem Hammer auf den Zeh zu hauen, um Zahnschmerzen zu beseitigen, kann man wohl kaum als ein „weniger effizientes“ Mittel als eine Zahnarztbehandlung bezeichnen. Zwingt der Staat nun alle, sich mit dem Hammer auf den Zeh zu hauen, dann fördert das den Umsatz der Hammerhersteller, aber inwiefern und bezogen auf was kann hier von „geringerer Effizienz“ die Rede sein?—Das Entscheidende am Interventionismus ist, dass durch ihn allen Betroffenen Gewalt angetan wird, dass sie anders handeln müssen, als sie es sonst getan hätten. Wenn ich unter Androhung von Gewalt gezwungen werde, mich beim Autofahren anzuschnallen, werde ich dadurch weniger effizient? Wird der Autoverkehr weniger effizient?—Wenn alle gezwungen werden, statt Glühbirnen teurere Energiesparlampen zu produzieren und zu verwenden, weil Glühbirnen nicht mehr in den Handel gebracht werden dürfen, vermindert das die Effizienz? Und, wenn ja, die Effizienz von was? Rein physikalisch betrachtet sollen die Lampen doch sogar effizienter sein als Glühbirnen und deshalb mehr wert als ihr Kaufpreis…

 Nehmen wir an, dass alle, die jetzt vom Staat gezwungen werden, sich anzuschnallen, dies –aus Vernunfteinsicht- freiwillig tun: An den  Preisen würde das nichts ändern, weil sich an der Ressourcenverteilung nichts ändern würde. Es würde genauso viele Gurthersteller geben wie jetzt, und wir alle würden genauso viel von unseren knappen Ressourcen auf den Gurtkauf und auf die Zeit fürs Anschnallen verwenden.—Wie würden die Vertreter der Effizienzthese jetzt argumentieren? –Hier gibt es keine Umleitung/Fehlleitung von Ressourcen. Also müssten sie sagen: In diesem Fall würde ein staatlicher Gurtzwang NICHT zu weniger Effizienz führen. Das ganze Gerede von Effizienz führt also nur zu Einem: Die Tatsache staatlicher Gewalt gegen die Bürger wird aus der Gleichung rausgekürzt, wird marginalisiert—obwohl sie der entscheidende Punkt ist—und das auch gerade und besonders für Liberale sein sollte. Ludwig von Mises gebührt der Verdienst, diesen Punkt immer wieder betont zu haben—und zwar nicht in seiner Eigenschaft als Ökonom, sondern mit dem Habitus des Liberalen, der weder gezwungen werden möchte, noch anderen Menschen Zwang antun.

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9 Responses to Effizienz ist kein Kriterium

  1. Felix Hau says:

    Ich stimme zu, dass Effizienz sicherlich nicht das wichtigste Kriterium ist – für die Befürwortung *des Liberalismus* ist es tatsächlich vernachlässigenswert. Sowohl in Diskussionen mit Vertretern kommunistischer Utopien als auch in der Praxis ist die Effizienz des freien Marktes allerdings durchaus ein schwerwiegendes Argument. Die Annahme nämlich, dass – beispielsweise – die Aufhebung der markttypischen Anonymität durch “bewusste Organisation” (will heißen: Absprachen bzw. Assoziationsbildung) zu einer – eben – effizienteren Befriedigung der Bedürfnisse des Einzelnen führt, ist genau so falsch wie die Annahme, dass eine Gruppenverantwortung für ein Unternehmen im Zuge der “Kapitalneutralisierung” eine – eben – effizientere Geschäftsleitung zur Folge hat; ich kann davon mehrere Liedlein singen – ich arbeite u.a. in einem selbstverwalteten Betrieb😉.

    Mir ist bewusst, dass diese Beispiele gar nichts mit der Frage “Freiheit vs. staatlicher Zwang” zu tun haben – aber eben deshalb sind sie so interessant; denn der “freie Markt” ist in seiner typischen Charakteristik mit der Abwesenheit von staatlicher Einmischung nicht hinreichend beschrieben – auch, wenn diese Bedingung natürlich für sein Bestehen notwendig und die bedeutsamste ist. Die Existenz von *Marktpreisen* und das *private Eigentum an den Produktionsmitteln* sind für sein Bestehen aber ebenfalls konstitutiv; andernfalls mag man von einem Markt sprechen, der zwar von staatlicher Intervention frei und insofern ein “freier Markt” ist. *Dieser* “freie” Markt ist aber im Gegensatz zu dem tatsächlichen *freien Markt* eben nicht — effizient.

  2. Pingback: Effizienz und Nutzen : Freiheitsfabrik

  3. nl says:

    Mises: “Die Unsicherheit der Zukunft ist eines der Hauptprobleme menschlicher Begebenheiten. Sie verdirbt alle Manifestationen des Lebens und des Handelns.”

    Ähnlich Rothbard: “But since no one can ever have perfect knowledge of the future, no one’s action can be called “efficient.” We live in a world of uncertainty. Efficiency is therefore a chimera.”

    Allerdings soweit man über Erkenntnisse verfügt, die unabhängig vom Zeitpunkt zu gelten haben, die also insofern perfektes Wissen sind, kann man natürlich darüber urteilen, was nicht effizient sein kann.

    Interessanter finde ich aber die Widerlegung anderer Floskeln, wie sie ja auch hier schon bezweifelt wird.

    “Freier Markt”.

    Verrät sich nicht jeder Kapitalismuskritiker, Wurst-Ökonom oder Politiker als Feind jeder kooperativen Gesellschaft, der diesen Ausdruck benutzt, um sich gleichfalls davon zu distanzieren?

    Wenn jemandem „freier Markt“ über die Lippen kommt, dann sollte er irgendeine Vorstellung davon haben, was an einem Markt „frei“ sein kann. Nur liegt es dann nicht schon in der Definition von Markt selbst begründet? Warum dann der Pleonasmus eines „freien“ Marktes? Dieser ist offensichtlich nur entstanden, um zu betonen, dass man tatsächlich (Orwell lässt grüßen) den Markt meint, wie er definiert werden muss.

  4. Markus Weyer says:

    Effizienz ist überbewertet. Effizienz bietet nur scheinbar ein tragfähiges Meßbarkeitskriterium für Entscheidungen. Problem ist der interpersonelle Nutzenvergleich. Anders gesagt: Was Hans nützt, kann Klaus schaden. Da aber alle Effiizienzaussagen nur auf Handlungsvorgaben einer Gruppe gerichtet sind, ist danach zu fragen, warum eine “effiziente” Handlungsvorgabe nützlich sein soll. Und wem? Der Gruppe (Wohlfahrt?) oder nur dem Einzelnen? Eine Entscheidungsfolge ist m.E. immer an dem für den Einzelnen geknüpften Nutzen gebunden. Was nutzlos ist, erscheint nicht effizient. Ist dann eine messbare Entscheidungsfolge für Hans besser (nützlich), aber für Klaus schlechter (nutzlos), wie will man den Nutzen innerhalb der Kleinstgruppe aus Klaus und Hans “saldieren”? Erst recht wenn die gruppe größer und, sagen wir aus 82 Millionen Menschen besteht? Ich denke, der für eine offene Gesellschaft unabdingbare freie Markt braucht “Effizienz” nicht als gesellschaftliches Element. Mögen Maschinenbauer den Benzinverbrauch effizienter gestalten. Politiker und Soziologen usw. bitte nicht. Jedoch: Der Begriff der Effizienz ist tauglicher als das noch öfter bemühte Wieselwort “Gerechtigkeit”.

  5. Ein sehr interessanter Artikel. Indem Liberale die Freiheit als einen Wert an sich proklamieren, vergessen sie, dass auch eine freiheitliche Gesellschaft auf bestimmten Gewaltverhältnissen beruht. Marktwirtschaft kann überhaupt nur funktionieren, sofern der Staat auf seinem Hoheitsgebiet verschiedene Rechte garantiert – insbesondere das Recht auf Eigentum – und vor allem diese Rechte auch durchsetzt. Ironischerweise fällt das was wir Freiheit nennen sozusagen als Nebenprodukt der genannten staatlichen Interventionen mit ab.

    Ebenso kann Effizienz kein Wert an sich sein, sondern immer nur in bestimmter Hinsicht. Wenn es z. B. um die Schonung von Resourcen geht, ist gegen eine effiziente Arbeitsweise oder einen effizienten Verbrauch nichts zu sagen. Auffällg ist, wie Effizienz zu einer Metapher für Rentabilität geworden ist und alles was rentabel ist auch als effizient gilt.

    • nl says:

      Eine “freiheitliche Gesellschaft” soll wohl nur eine relative Gesellschaft sein. Ansonsten ist das ‘frei’ ja schon in dem Wort societas drin (genau wie in Markt).

      “The term society came from the Latin word societas, which in turn was derived from the noun socius (“comrade, friend, ally”; adjectival form socialis) thus used to describe a bond or interaction among parties that are friendly, or at least civil.”

      In dem Fall einer ‘relativen Gesellschaft’ stimmt es natürlich, dass die auf bestimmten Gewaltverhältnissen beruht, aber der Staat garantiert auf seinem Hoheitsgebiet niemals verschiedene Rechte. Oder eigentlich doch, wenn man Recht als “rein gar nichts” übersetzt und so muss man es auch verstehen, denn was ist Recht sonst? Recht ist ein inhaltsleeres Wieselwort. Es ist nirgendwo definiert, was Recht überhaupt ist. (Man nehme ein beliebiges juristisches Fachbuch und suche nach einer Definition!) Also ist es auch unmöglich, dass sich ein Staat mit “Recht” um irgendwas kümmern, geschweige denn etwas garantieren kann.

      Reine unwiderlegbare Logik.
      Es könnte alles so einfach sein.

  6. Rayson says:

    Ich tue mal, was ich wie ein Prophet immer wieder tue: Ich verweise auf den Beitrag des unvergessenen Statler “Wir Rückenmarksliberale“.

    Zitat:

    Als bekennender Rückenmarksliberaler, also als jemand, dessen Präferenz für die Freiheit zu einem großen Teil aus dem vegetativen politischen Nervensystem kommt, neige ich in solchen Zielkonflikten immer im Zweifelsfall dem Ziel der individuellen Freiheit zu. Das bedeutet auch, daß ich beispielsweise bereit wäre, einiges an ökonomischer Effizienz zu opfern, wenn ich dafür mehr Freiheit bekäme.

  7. Dox says:

    Nichts ist effizienter als Freiheit.

  8. irobot says:

    Oder, aus meiner Sicht, mit ganz einfachen Worten:
    Kein Mensch hat das Recht, jemandem anderes zu sagen, wie er zu leben hat.

    Grüsse
    http://www.der-prozess.de

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