Steuersenkungen oder: Orwells Geschenk

 Zu meinem letzten Geburtstag, ebenso wie zu Weihnachten, habe ich das eine oder andere Geschenk bekommen. Manchmal kriege ich auch zwischendurch etwas geschenkt. Da ich mit dieser durchaus angenehmen Institution des Beschenktwerdens schon seit meiner frühesten Kindheit vertraut bin, verstehe ich auch ganz genau, was ein Geschenk ist. Und aus Erfahrung weiß ich auch, was KEIN Geschenk ist: Eine Studienfreundin, die gerade etwas klamm war, lieh sich einmal Geld von mir, um ein Geburtstagsgeschenk für eine andere Freundin zu kaufen. Später weigerte sie sich, mir das Geld zurückzugeben, mit der folgenden, reizenden Begründung: Da ich selbst ihr ja gestanden hätte, dass ich nur drei Tage nach dem Geldverleih an sie 90 Mark beim Roulettespielen gewonnen hätte, sei sie ja nun nicht mehr verpflichtet, mir die geliehene Summe –die schließlich weniger als 90 Mark betrug- zurückzugeben (Übrigens, aber das nur nebenbei, ist diese –ehemalige- Freundin inzwischen Richterin geworden.). Wie auch immer man den geschilderten Sachverhalt bewerten möchte, Eines ist jedenfalls klar: Das, was sie gekauft und ihrer Freundin zum Geburtstag übergeben hat, war KEIN Geschenk, selbst wenn die „Beschenkte“, wovon ich ausgehe, von diesem Hintergrund nie etwas erfahren haben sollte—Denn ein Geschenk, so meinen wir, setzt irgendwie voraus, dass der Schenkende die finanziellen Mittel für den Geschenkerwerb selber vorher ehrlich erworben hat, dass er also Eigentümer der Mittel ist und sie nicht von Anderen gestohlen oder geraubt hat.

 Kein Geschenk ist es deshalb auch, wenn mir jemand, sagen wir, mein Fahrrad klaut, und es mir dann später wieder zurückgibt (Ausnahme: Vorstellbar ist ein Bestohlener, der beim Anblick des reumütig mit dem Fahrrad zurückkehrenden Diebes von einem „Geschenk des Himmels“ spricht). In dieser Einschätzung –von dem, was ein Geschenk ist und was nicht- weiß ich mich mit mindestens 99,99999 Prozent der des Deutschen mächtigen Menschen einig—und zwar ohne, dass man viel darüber nachdenken müßte. Dachte ich zumindest—Bis ich heute morgen die Aufmacherschlagzeile in der Online-Ausgabe ausgerechnet im Handelsblatt las: „Merkel will nun auch die Bürger beschenken.“

 Es geht um mögliche aber noch nicht beschlossene Steuersenkungen. Das Wörtchen „auch“ bezieht sich, wie aus dem Artikel hervorgeht, auf Griechenland, das demnach schon von Merkel beschenkt worden sein soll. Zitat: „Die Kritik ließ der Regierung keine Ruhe: Milliarden für Griechenland, aber kein Geld für Steuersenkungen.“—Steuersenkungen sind nun aber nichts anderes als ein teilweiser Verzicht des Staates: Er verzichtet auf einen Teil dessen, was er seinen Bürgern bislang, unter Androhung von Gewalt, von dem von ihnen verdienten Geld abgenommen hat. Das als „Geschenk“ zu bezeichnen –und in der Tat reden Politiker in allen Ländern ja gerne so- heißt, den zwangserleicherten Bürger noch zu verspotten.

 Auf die systematische Verdrehung von Wortbedeutungen hat uns George Orwell in seinem schrecklichen Roman „1984“ aufmerksam gemacht—und uns damit eine echtes Geschenk erwiesen: „Krieg ist Frieden“. Dieses Neusprech, von diabolischen, machtgierigen Politikern zur Verdummung und Ruhigstellung der ausgebeuteten Massen erfunden, wird in dem 1949 erschienenen Roman aber eben NUR von Politikern eingesetzt. Wir sind da inzwischen weiter: Unsere Politiker müssen sich diese Mühe gar nicht mehr machen—Das nimmt ihnen unsere freie Presse ab…

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2 Responses to Steuersenkungen oder: Orwells Geschenk

  1. jpj says:

    Es bedarf der regelmäßigen Wiederholung durch die Lamestream-Journalisten, um uns vergessen zu lassen, was schon Kinder lernen: Schenken kann man nur, was einem auch gehört. Schöner Kommentar.

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