Der mumifizierte Opa

 Es ist ein Skandal: Die Japaner, so stellt sich jetzt heraus, werden gar nicht so alt wie wir alle immer dachten. Die angebliche Unzahl Hochbetagter, eine vermeintliche Tatsache, die Wissenschaftler weltweit intensiv forschen ließ, warum die durchschnittliche Lebenserwartung von Japanern so viel höher ist als die der Einwohner in allen anderen Industrienationen—lag’s an den ungesättigten Fetten im Fisch? An den Inhaltsstoffen von Reis oder einfach an der angeblich besonderen philosophischen Einstellung und Lebenshaltung der Menschen?—diese vielen Uralten, also, gibt es in Wirklichkeit nicht. Genauer gesagt, sind die meisten von ihnen schon lange tot.

 Die Erklärung für diesen Irrtum ist ganz banal, in jedem Fall viel banaler als all diejenigen Mediziner, Ethnologen, Psychologen und Soziologen, die von ihren jeweiligen Regierungen mit üppigen Geldern ausgestattet wurden, um die Ursachen für dieses vom Zahlenmaterial her als sicher geltende Phänomen zu erforschen, sich offensichtlich haben vorstellen können: Die japanische Rentenbehörde hat, jedenfalls bis zum Ruchbarwerden der neuen Daten, die Rentenzahlung an einen Rentner erst dann eingestellt, wenn die Angehörigen des Rentners der Behörde dessen Tod gemeldet haben. In psychologisch und ökonomisch durchaus nachvollziehbarer Weise hat diese Tatsache etliche Angehörige von Rentnern dazu veranlasst, der Behörde den Tod des Rentners NICHT zu melden. In Extremfällen soll dieser familiäre Verstoß gegen die selbstverständlich gesetzlich bestehende Meldepflicht schon drei bis vier Jahrzehnte lang aufrechterhalten worden sein. So wurde kürzlich in Tokio die innerhalb von drei Dekaden langsam aber sicher durchgetrocknete und deswegen im jetzigen Zustand vollständig mumifizierte Leiche eines angeblich Lebenden 111jährigen Rentners in einem Bett desjenigen Hauses entdeckt, in dem die Tochter des lange Verstorbenen mit ihrem Mann und ihren zwei über fünfzigjährigen Kindern lebt. Weder die selbst mittlerweile schon über Achtzigjährige noch die Enkel hatten es während der letzten drei Jahrzehnte für sinnvoll oder angebracht befunden, Opas Ableben der Rentenbehörde zu melden.

 Nach diesen neuen Erkenntnissen liegt nun aber die Vermutung, dass vielleicht sogar etliche 65-, 70- und 80jährige Japaner, die nach statistischem Ausweis am Leben sind, weil eine Rente auf ihr Konto überwiesen wird, auch schon tot sind, nicht mehr jenseits aller Vorstellung. Wer weiß, möglicherweise stellt sich nach Korrektur des Datenmaterials heraus, dass die Japaner im Schnitt sogar eine geringere Lebenserwartung als Menschen in westlichen Ländern haben. Unmöglich wär’s nicht.

 Weshalb halte ich diese schöne Geschichte überhaupt für erwähnenswert?—Weil es ein Skandal ist? Nein—und insofern ist der einleitende Satz sogar ein wenig irreführend. Diese Sache stellt—jedenfalls für jeden auch bloß rudimentär ökonomisch geschulten Menschen—nicht einmal eine Überraschung dar, geschweige denn Skandalmaterial, da er ja genau weiß: Setzt der Staat perverse Anreize (und niemand außer dem Staat kann es sich leisten, solche Anreize zu setzen; jedes private Rentenversicherungsunternehmen wäre längst pleite, hätte es, wie der japanische Staat, auf Benachrichtigung durch die Angehörigen gewartet), dann treten zwangsläufig Effekte auf, die uns derart schöne Geschichten liefern.

 Nein, meine Erschütterung über diese Geschichte—und es ist eine echte Erschütterung—hat ganz andere Ursachen. Beim Lesen der Nachricht, die letztens über alle Newsticker lief, packte mich das kalte Grauen. Für mich war die Überzeugung, dass die Japaner statistisch signifikant älter werden als wir alle, bis dato eine unerschütterliche Gewissheit, ganz so, wie meine Überzeugung, dass ich die leibliche Tochter meiner Eltern bin. In den letzten Jahren habe ich doch in der Tat häufig überlegt, ob ich nicht noch öfter Sushi essen sollte, einen meiner absoluten Favoriten unter den essbaren Dingen, besonders die mit schwarzen Algen umhüllten Röllchen—oder mir Algensuppe kochen und überhaupt mehr Fisch essen. Weshalb hatte ich diese Überlegungen angestellt? Weil ich irgendwo gelesen oder immer wieder mal gehört hatte, dass irgendwelche Wissenschaftler gezeigt haben wollten, dass die erstaunliche Langlebigkeit der Japaner auf den hohen Fisch- und Algenkonsum zurückzuführen sei.

 Da ich mich aber für eine ausgemachte Skeptikerin halte und im Laufe der Jahre viele und oft auch lange und gerne gehegte Überzeugungen in Zweifel gezogen und abgelegt hatte, sagte ich mir so etwas wie: „Na ja, das ist ja nur eine von vielen Theorien über die Ursache der hohen Lebenserwartung von Japanern. Außerdem rauchst du. Dann hör’ lieber mit dem Rauchen auf.“ Mit anderen Worten hatte mich meine Skepsis dazu geführt, die Theorien über die Ursachen der Langlebigkeit anzuzweifeln, nicht aber das Faktenmaterial, das überhaupt erst den Anlass zur Theoriebildung gab, Faktenmaterial, im übrigen, das sehr wohl Anlass zum Zweifel hätte geben können.

 Und das war für mich das eigentlich Verstörende: Da, wo besondere Skepsis angebracht gewesen wäre—bei amtlichen Statistiken nämlich—habe ich kein bisschen gezweifelt. Ob ich es in Zukunft besser machen werde? Wahrscheinlich nicht, denn die Gewohnheit ist wohl meistens stärker als der Zweifel. Als Trost für mich kann ich gelten lassen, dass die Kosten für diesen spezifischen Irrtum zum Glück nicht besonders hoch waren: Im Zweifel habe ich beim Sushi eben mal etwas über den Hunger zugegriffen…

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11 Responses to Der mumifizierte Opa

  1. Dirk F. says:

    Wunderbar! Ein sehr richtiger Hinweis: Mit den Mitteln der Ökonomie auf Wahrheitssuche hätten einem Zweifel kommen müssen. Ein weiteres Beispiel dafür, wie sich vermeintliches Wissen als Glauben entpuppt.

  2. bei jeder zahlenerhebung sind die interessen der ursprünglichen zahlenbesitzer ausschlaggebend: sie werden sich durch die preisgabe der zahlen nicht schaden wollen, sondern einen preisgabepreis erhalten. ökonomisch erklärbare verlogenheit. immer.

  3. Egon 1 says:

    Wieder ein Beweis dass man staatlichen Statistiken nur mit gesunder Skepsis beachten kann — even in the land of the Rising Sun.
    Wie ein Schlauer angeblich sagte: “There are numbers, lies, and then here are statistics” Demnach Vorsicht.
    Pax vobiscum

  4. wieso nur staatlichen statistiken?

    deutsche sterbetafeln (aus staatlichen zahlen hergestellt) sind sehr genau. weil das sterben, der tod und die leiche gut kontrollierter gegenstand einer ausgefeilten statlichen verwaltung sind. die privatversicherungen können so als trittbrettfahrer zwangsfinanzierter staatlicher zahlenerhebungen ganz gut kalkulieren.

    müssten privatversicherungen die zahlen selber erheben und ein qualitätsmanagement dieser erhebung finanzieren sähe das ganz, ganz anders aus …

    was ich nur sagen will: alle statistiken lügen mindestens in dem masse, wie die gegenstände der statistik die kosten einer selbstbereichernden lüge nicht fürchten müssen. staat hin, privat her: immer!

  5. enttäuschte linke says:

    Ein anderes Beispiel ist für mich die Arbeitslosenstatistik: Danach sind Akademiker viel weniger arbeitslos als Minderqualifizierte. Ich galube, dass zumindest teilweise dieser Effekt entsteht, weil Akademiker in Partnerschaften mit Gutverdienenden leben. Dadurch bekommen Langzeitarbeitslose von der Arbeitsagentur kein Geld, Hartz IV usw und auch keine sonstige Förderung wieGegenteil: man hat schikanöse Auflagen zu erfüllen. Also lässt man es bleiben und fällt aus der Statistik.
    Auch die Zahl der Erwerbstätigen soll relativ und prozentual steigen: soweit ich weiß, werden hier auch Mini-jobber erfasst. Also ein Vollzeitarbeitsplatz auf drei Minijobber aufgeteilt und die statistik verbessert sich, und der Arbeitgeber zahlt weniger.

    • sh says:

      Arbeitgeberanteile für einen sozialversicherungspflichtigen Job: 19,725%
      Arbeitgeberanteile für einen Minijob: 30% oder 28%

  6. sic says:

    Viel Lärm um nichts. Im Gegensatz zu dem, was die Presse so verbreitet, handelt es sich bei den Vorfällen in Japan um keine Überraschung, einzig die Unverfrorenheit der Japaner, vorsätzlich ihre Toten zu verstecken, um die Rente nicht zu verlieren, ist eine Nachricht wert und neu.

    Der angeblich so enorm hohe Anteil japanischer Einwohner in nahezu biblischen Altersbereichen hingegen ist schon seit vielen Jahren als Legende bekannt, seit man festellen mußte, daß die Melderegister dort größtenteils von Hand auf Papier geführt werden, und trotz vieler Ankündigungen in der Richtung auch kein Abgleich mit den Sterbe- und Geburtenregistern erfolgte. Stichproben haben damals Ausfallquoten von bis zu 100% pro Altersjahr im Vergleich zu den Registern ergeben, seitdem faßt niemand mehr diese Zahlen an, zumal sich Japan beharrlich weigert, eine Bereinigung durchzuführen.

    Hätte man das als Normalbürger wissen müssen? Nein, zu speziell, man muß sich da also keinen Vorwurf machen. Als Forscher aber? Ja, dort gehört sowas zu den Vorbereitungen der wissenschaftlichen Arbeit, die Überprüfung und Evaluation des grundlegenden Datenmaterials. Da hätte ein Gespräch mit einem Statistiker gereicht, um den Hinweis zu bekommen, daß diese Zahlen so belastbar wie Weißbrot sind.

    Übrigens, es sieht in Deutschland zwar besser aus (vor allem durch die allgemeine Meldepflicht bei Geburten und Sterbefällen, was ein Verstecken von Leichen sehr schwierig macht im Gegensatz zur persönlichen Meldung solcher Todesfälle in Japan), aber es gilt als Usus, ab 85 Jahren keine Einwohnerzahlen mehr für Forschungszwecke oder als Datenmaterial zu verwenden, weil die auch hier dann aufgrund von Fehlerquellen (die meist durch Sachen wie Altersheime, Hospize, Pflegefälle entstehen) nicht mehr belastbar genug sind.

    • Ulrich Wille says:

      “einzig die Unverfrorenheit der Japaner, vorsätzlich ihre Toten zu verstecken, um die Rente nicht zu verlieren, ist eine Nachricht wert und neu.”

      Eine Nachricht wert und neu ist höchstens die erfreuliche Dämlichkeit der japanischen “Rentenbehörde”. Das “Verstecken” der Toten ist einfach ökonomisch rationales Verhalten in Reaktion auf diese Dämlichkeit.

  7. Pingback: Tweets that mention Der mumifizierte Opa | evaziessler -- Topsy.com

  8. Pingback: Eva Ziessler über doch nicht so alte Japaner | King of Blog

  9. Pingback: Warum die Griechen so alt werden | American Viewer

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